Forschungsprojekt Geschichte und Erinnerung

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Neuerscheinungen:

 

 

Im Februar 2007 ist eine Zusammenfassung der Ergebnisse des Forschungsprojekts Geschichte und Erinnerung erschienen: Stephan Marks: Warum folgten sie Hitler? Die Psychologie des Nationalsozialismus. Patmos Verlag Düsseldorf.

Die polnische Übersetzung des Buches erschien 2009 unter dem Titel: Dlaczego poszli za Hitlerem  nowość.  Psychologia narodowego socjalizmu w Niemczech im Verlag Wydawnictwo Naukowe PWN.  Die koreanische Übersetzung des Buches erschien 2009 im Verlag Chaek-se-sang, Seoul. Eine griechische Übersetzung erscheint ca. 2009 im Verlag N. Papadimas Editions.

 

Einige der Pressestimmen über das Buch:

"Stephan Marks ist mit dem Buch Warum folgten sie Hitler? ein großer Wurf gelungen, der unser Verständnis des Nationalsozialismus vertieft, indem viele verstreute psychologische Kategorien mit großer Klarheit gefüllt werden."  Tilman Moser in Psychologie heute (Juli 2007) 

„… so erstaunlich es klingen mag: Stephan Marks hat am Ende eines siebenjährigen Forschungsprogramms tatsächlich Neues über die Nazi-Psychologie zu sagen. Die Auswertung der Interviews mit NS-Anhängern widerlegt bravourös den Einwand, nach so langer Zeit sei davon doch nichts Neues zu erwarten.“  Wiener Zeitung, 2.April 2007 

„Dem Autor gelingt ein Erklärungsschlüssel für den Erfolg der Nazis (…). Das Buch bietet viele kluge Beobachtungen (…) Es ist sehr lesenswert und sogar hilfreich dafür, die Dynamik des heutigen Neonazismus besser zu erfassen.“ WDR, 19.3.2007

„Die Ergebnisse, die er in diesem Buch vorlegt, sind sehr eindrucksvoll (…) ein fruchtbarer Anstoß, um aus Vergangenem für die Gegenwart Lehren zu ernten.“  Die Zeit, 26.4.2007 

 

Im August 2007 ist erschienen: Stephan Marks: Scham, die tabuisierte Emotion. Patmos Verlag Düsseldorf.

 

 

 

Beschreibung des Forschungsprojekts Geschichte und Erinnerung:

 

"Die Wurzeln sind in den Verfolgern zu suchen, nicht in den Opfern", T.  Adorno

 

 

Wir hatten da einen Geschichts­lehrer. (...) Was hat der uns nicht alles vorgelabert. Stundenlang über die Juden, die Kommunisten, die Zigeuner, die Russen, alles Opfer, nichts als Opfer. (...) Ich hab ihm das alles nie abgenommen. (...). Einer aus der Klasse hat ihn mal gefragt: ‚Wo war denn das Tolle damals? (…) Warum waren die alle so begeistert? Da muß es doch noch etwas anderes gegeben haben?’ Da schaute er blöde, fing an, den Schüler als Neonazi zu beschimpfen, ob er denn keine Achtung vor den Opfern hätte. Aber wir anderen ließen nicht los. Endlich hat das mal einer ausgesprochen. Wir wollten wissen, was damals wirklich los war. (...) Wir hätten es doch in den Filmen gesehen, die er uns gezeigt hat. Die lachenden Kinder, die leuchtenden Augen der Frauen. Hunderttausende in den Straßen, und alle haben sie gejubelt. Woher kam denn diese Begeisterung?“

Dieses Zitat einer Schülerin (zit. in Sichrowsky 1987, 41f) weist hin auf eine Lücke in der schulischen Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus: Die Auseinandersetzung mit den Motiven der aktiv beteiligten Männer und Frauen bleibt oft ausgespart. Man kann jedoch, so die Pädagogin Margarete Dörr, „die Gefährlichkeit des Nationalsozialismus nicht dadurch bekämpfen, daß man das, was für junge Menschen damals an ihm attraktiv war, einfach unterschlägt“ (Dörr 1986, 49).

Diese Lücke im Schulunterricht verweist auf ein Defizit auch in der fachwissenschaftlichen Auseinandersetzung: Zwar wurde über den Nationalsozialismus so viel geforscht, veröffentlicht und debattiert wie über kaum ein anderes Thema. Zur Beantwortung der Frage, wie 'Drittes Reich' und Holocaust geschehen konnten, werden in der Literatur eine Vielzahl von Erklärungsansätzen vorgestellt; den aktiv Beteiligten wird eine Vielzahl von Motiven zugeschrieben, von Autoritarismus, Antisemitismus, Gehorsam, Habgier bis hin zu Sadismus u.v.a. Letztendlich wird jede menschliche Regung bemüht, so daß der Eindruck von Beliebigkeit zurückbleibt. Es fällt jedoch auf, dass bei diesen Erklärungsansätzen auf verschiedenste Quellen zurückgegriffen wurde (auf Dokumente aus dem ‚Dritten Reich’, Gerichtsakten, Aussagen von Opfern u.v.a.). Große Zurückhaltung besteht aber gegenüber der – im Grunde naheliegenden – Methode, die Beweggründe der aktiv Beteiligten durch Interviews mit eben diesen Personen zu erforschen. Dies hatte Adorno schon im Jahr 1966 gefordert, denn „die Wurzeln sind in den Verfolgern zu suchen, nicht in den Opfern (Adorno 1969, 87).“ Es sei notwendig, das Geschehene und die Beteiligten an sich herankommen zu lassen, um den „spezifischen Bewusstseinszustand“ (Adorno 1969, 91) dieser Menschen zu erkennen, die sie solcher Taten fähig machten.

 

Diese Überlegungen waren der Ausgangspunkt für das Forschungsprojekt ‚Geschichte und Erinnerung.’ Wir, ein interdisziplinäres Forschungsteam, führten Interviews mit Männern und Frauen, die damals Hitler und Nationalsozialismus bejaht und aktiv mitgetragen haben. Darunter einige prominente Nazis, vor allem aber ‚ganz normale’ Männer und Frauen: ehemalige SS-Männer, HJ-Führer, Wehrmachts-Soldaten, NSDAP-Mitglieder usw. Die Interviews wurden tiefenhermeneutisch ausgewertet u.a. im Hinblick auf die Frage: Was bewegte die Interviewten damals, Hitlers und Nationalsozialismus zu bejahen und aktiv mitzutragen? Zentraler Bestandteil der ethnopsychoanalytisch (Devereux 1984) orientierten Forschung war Supervision (Marks & Mönnich-Marks 2002a, 2003).

Das Forschungsteam bestand aus zehn Personen aus den Berufen Sozialwissenschaft, Geschichte, Psychologie, Psychoanalyse, Erziehungswissenschaft, Sozialarbeit und Sozialpädagogik.

‚Geschichte und Erinnerung’ wurde 1998 gegründet und ist seit 2000 über Prof. Dr. Herbert Uhl an die Pädagogische Hochschule Freiburg angeschlossen