Projektbeschreibung
Das Forschungsprojekt Geschichte und Erinnerung besteht seit 1998 und hat folgende Aufgabe: In der ersten Arbeitsphase (1998 bis 2004) wurde die psychosoziale Dynamik des Nationalsozialismus erforscht. In der zweiten Arbeitsphase (seit 2004) werden die Ergebnisse in die relevanten Praxisfelder, insbes. in den Schulunterricht transferiert.
Die erste Arbeitsphase:
Wie war der Nationalsozialismus, Holocaust und NS-Vernichtungskrieg möglich? Wie konnten Hitler und die NSDAP die ‚Herzen’ von Millionen von Menschen gewinnen? Wir suchten diese Frage zu beantworten, indem wir offene Interviews mit Männer und Frauen führten, die damals Hitler und dem Nationalsozialismus bejaht und aktiv mitgetragen haben (Nazi-‚Täter’ und ‚Mitläufer’) - z.B. als Mitglieder von NSDAP, SA, SS oder anderen NS-Organisationen. Diese Interviews wurden dokumentiert, anonymisiert und tiefenhermeneutisch ausgewertet in Hinblick auf folgende Forschungsfragen:
a) Was bewegte die Befragten damals, Hitler und den Nationalsozialismus zu bejahen und aktiv mitzutragen?
b) Wie ist die NS-Erfahrung heute in den Befragten kognitiv und emotional gegenwärtig?
c) Was geschieht, wenn Angehörige dieser 'NS-Generation' mit Angehörigen der ersten Nachkriegsgeneration über den NS kommunizieren?
Einige der Ergebnisse wurden in verschiedenen Aufsätzen und Buchkapiteln veröffentlich (siehe Rubrik Veröffentlichungen); eine Zusammenfassung aller Ergebnisse in einem Buch erschien 2007 im Patmos Verlag Düsseldorf unter dem Titel: Warum folgten sie Hitler? Die Psychologie des Nationalsozialismus.
Stichworte zur Forschungsprojekt:
a) zum Forschungsgegenstand: Nationalsozialismus, Holocaust, Antisemitismus, NS-Täter- und -Mitläufer-Forschung, Motive, Motivations-Forschung.
b) zur Forschungsmethode: Qualitative Sozialforschung, Tiefenhermeneutik, Analyse der Gegenübertragung, Ethnopsychoanalyse, Gedächtnis.
c) zu den Forschungsergebnissen: im Abschlußbericht des Forschungsprojekts werden die Ergebnisse aus der Perspektive folgender Fachgebiete entwickelt: Ethnologie, Hypnose, Scham, Scham-Abwehr und Narzißmus, transgenerationale Weitergabe, Trauma, Sucht / Abhängigkeit.
Der Hintergrund des Projekts:
Geschichte und Erinnerung setzt an folgenden Entwicklungen und Beobachtungen an:
a) Die Zunahme neonazistischer, fremdenfeindlicher und antisemitischer Stimmungen, Aktionen, Anschläge und Morde, insbes. seit den 1990er Jahren.
b) Die - fast schon sprichwörtliche - Hilflosigkeit des Antifaschismus’. Defensive Formeln (wie ‚Nie wieder!’ oder ‚Wehret den Anfängen!’) oder Verbote rechtsextremistischer Organisationen sind alleine wenig wirksam.
c) Grenzen der bisherigen Erziehung nach und über Auschwitz: Untersuchungen ergaben, daß das kognitive Wissen vieler Schüler über NS-Zeit und Holocaust dürftig ist, obwohl dieses Thema in mehreren Fächern und einer großen Zahl von Stunden unterrichtet wird. Statt prophylaktisch gegen rechtsextremistisches Gedankengut zu wirken, scheint mancher Schulunterricht zu Verharmlosung, Überdruss oder Abwehr gegen ‚das Thema’ beigetragen zu haben, möglicherweise sogar zu einer ungewollten Sympathie für den NS.
Die genannten Entwicklungen sind begründet in einer spezifischen Lücke im deutschen Umgang mit der NS-Vergangenheit , und zwar a) im öffentlichen Erinnerungsdiskurs, b) im Verhältnis der Generationen zueinander und c) in der wissenschaftlichen und schulischen Beschäftigung mit dem Thema Nationalsozialismus:
zu a) Häufig wird, etwa an jeweiligen Gedenktagen, proklamiert, es sei notwendig zu ‚erinnern’, die Geschichte ‚aufzuarbeiten’, aus ihr zu ‚lernen’, um dadurch deren Wiederholung zu vermeiden. Unklar bleibt dabei meistens, was unter ‚Erinnerung’ zu verstehen sei; in der Mehrzahl der Erinnerungsprojekte wird ‚Erinnern’ auf die Opfer/ Überlebenden und Widerstandskämpfer bezogen. Dies ist notwendig und unverzichtbar, aber nicht hinreichend: Die Auseinandersetzung mit den ‚Erinnerungen’ der Männer und Frauen, die damals Hitler und den Nationalsozialismus akzeptiert, bejaht oder aktiv mitgetragen haben, darf darüber nicht ausgespart bleiben. Denn, so Theodor Adorno: „Die Wurzeln sind in den Verfolgern zu suchen, nicht in den Opfern.“
zu b) Die notwendige Auseinandersetzung mit den 'Erinnerungen’ dieser Männer und Frauen (damals immerhin Millionen von Deutschen) und deren Motive und Beweggründe ist seit Jahrzehnten blockiert. Dieses ‚große Schweigen’ (Gabriele von Arnim) der bundesrepublikanischen Gesellschaft hat sich heute zunehmend in die Alten- und Pflegeheime verlagert. Dort treffen, wie Tilman Moser beobachtet, mit den Bewohnern und dem Pflegepersonal zwei „schweigende Generationen“ aufeinander.
zu c) Auch in der umfangreichen Literatur - und, in der Folge, im Schulunterricht - über Nationalsozialismus und Holocaust spielt die Auseinandersetzung mit den Motiven und Beweggründen jener Menschen tendenziell eher eine untergeordnete Rolle. Daniel Goldhagen konstatiert: „Es ist auffällig, daß die Literatur über den Holocaust, von wenigen Ausnahmen abgesehen, diese wesentliche Frage über die Mentalität der Handelnden nicht ausdrücklich aufgeworfen und auch nicht systematisch und gründlich bearbeitet hat.“
Organisatorisches:
Das Forschungsprojekt 'Geschichte und Erinnerung' wird geleitet von Dr. Stephan Marks, Sozialwissenschaftler. Die weiteren Teammitglieder sind: Heidi Mönnich-Marks, Jürgen Sehrig, Johannes Höchner, Margrit Kambach, Simone Adams, Jutta Heppekausen, Hildegard Wenzler-Cremer, Annette Krings, Dorothea Läer und Dr. Detlef Vogel. Die Forschungsarbeit wurde supervisorisch begleitet durch Dr. Erika Kittler, Psychoanalytikerin und Dr. Ludwig Brüggemann, Psychoanalytiker. 'Geschichte und Erinnerung' ist über Prof. Dr. Herbert Uhl an die Pädagogische Hochschule Freiburg angebunden.
Das Projekt wird durch die Ertomis Stiftung finanziert.
Anschrift:
Forschungsprojekt Geschichte und Erinnerung, Projektbüro: Kartäuserstr. 61b, D-79104 Freiburg, Tel. 0761 - 682 915, E-mail: marks[atnospam]ph-freiburg.de
Die zweite Arbeitsphase:
Die Forschungsergebnisse werden in die relevanten Praxisfelder transferiert, insbesondere a) in den Schulunterricht, die politische Bildung und Jugendarbeit bzw. Lehrerfortbildung. Ziel ist eine gelingende Erziehung nach und über Auschwitz. b) in die Altenarbeit, -pflege und Geriatrie. Ziel ist es, die Kommunikation zwischen den Generationen über das ‚schwierige’ Thema Nationalsozialismus zu verbessern. Gegenwärtig bearbeiten wir das folgende Projekt:
Von Scham und Beschämung zu einer Kultur der Anerkennung
Das Projekt hat die Aufgabe, die (dank der Pisa-Studien öffentlich diskutierten) Defizite des Schulunterrichts im Allgemeinen und des Unterrichts zu den Themen Nationalsozialismus, Holocaust und Menschenrechte im Besonderen zu überwinden durch Lehrerfortbildung und Schulentwicklung.
Das Projekt geht von der These aus, daß Lernen und Lehren durch Scham und Beschämung (latentes Erbe der deutschen Geschichte) wesentlich blockiert wird; positiv formuliert, daß gelingendes Lernen eine Kultur der Anerkennung voraussetzt.
Manfred Prenzel, Leiter des deutschen Pisa-Konsortiums und des Instituts für Pädagogik der Naturwissenschaften an der Universität Kiel, benannte im Dezember 2004 die Schwierigkeiten, Schule zu verändern: „Wer etwas anders macht, wird in Deutschland sehr kritisch beäugt. Es gibt Häme, wenn jemand scheitert. Deshalb trauen sich nur wenige, etwas Neues zu erproben. Zudem sind Lehrkräfte nach wie vor Einzelkämpfer.“ Hier wäre nach Uwe Schaarschmidt von der Universität Potsdam zu ergänzen, daß Lehrer/-innen häufig Einzelkämpfer sind, weil sie sich so vor Häme zu schützen. Die häufigen Beschämungen der Lehrer/-innen wirken massiv auf das Selbstwerterleben und führen zu Isoliertheit. All dies sind Faktoren, die laut Schaarschmidt zu burn-out führen können.
Lehrer/-innen sind heute in Deutschland – wie kaum eine andere Berufsgruppe – öffentlichen Beschämungen ausgesetzt, etwa durch Politiker („faule Säcke“) oder Medien wie z.B. den Spiegel, der wiederholt Lehrer/-innen als „Studienversager, Mittelmäßige, Unentschlossene, Ängstliche, Labile, Doofe, Faule und Kranke“ beschrieb (Bölsche 2002, 118). Anders als z.B. Finnland, deren Lehrende gesellschaftlich wertgeschätzt werden und deren Schüler in der Pisa-Studie Spitzenplätze einnehmen. Da die Bildungsausgaben Finnlands nur wenig höher sind als die Deutschlands dürfte die Bildungsmisere hierzulande primär kein finanzielles Problem sein.
Auch die Interaktionen zwischen Lehrenden und Schülern sind häufig durch Beschämungen charakterisiert: Nach einer Untersuchung der Forschungsgruppe Schulevaluation über Gewalt an Schulen durch Wolfgang Melzer, Direktor des Instituts für Schulpädagogik an der Technischen Universität Dresden, empfindet nur etwa ein Drittel der befragten Schüler, daß Lehrer/-innen die Schüler nicht „vor der Klasse blamieren“ (Melzer 2001, 138).
Beschämungen sind nach Hajo Funke, FU Berlin, auch eine der Ursachen für rechtsextremistische Gewalt. So berichtet die Studie „Rechtsextremismus in der Berliner Republik“ von „wiederholten traumatischen Kränkungserfahrungen“ (Funke 2001, 64) in der Biographie rechtsextremistischer Gewalttäter. Dieser Befund korrespondiert mit einem der Ergebnisse des Forschungsprojekts Geschichte und Erinnerung, wonach bereits die NSDAP die während der Weimarer Republik in der deutschen Bevölkerung verbreiteten Schamgefühle für ihre Zwecke zu instrumentalisieren vermochte (Marks 2003; Marks & Mönnich 2002, 2003).
Unter Berücksichtung der Psychodynamik von Scham und aus Sicht der Gehirnforschung wird deutlich, daß beschämender Unterricht wesentlich Lernprozesse blockiert: Scham ist eine sehr frühe und äußerst schmerzhafte Emotion (vgl. Wurmser 1997); sie ist nach Peer Hultberg, Psychoanalytiker, „mit einer viel tieferen Angst als derjenigen vor Strafe verbunden, nämlich mit der Angst, aus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßen zu werden. Scham bedeutet Angst vor totaler Verlassenheit, (...) vor psychischer Vernichtung.“ (Hultberg 1987, 92). Unter Angst werden jedoch andere neuronale Systeme aktiviert als z.B. bei Freude. Lernen im „Angstmodus“ führt zu einem „eingeengten kognitiven Stil, der ausschließlich darauf ausgerichtet ist, den Quellen der Angst zu entkommen (...) Kreatives und freies Denken sind stark behindert, da das Gehirn sich an die simpelsten, irgendwie funktionierenden Schemata hält“, so der Gehirnforscher Manfred Spitzer (zit. in Mechsner 2004, 166).
Daher kommt es in der Interaktion mit Schülern wesentlich darauf an, auf Fehler in einer Weise zu reagieren, die nicht beschämt, sondern ein Lernen aus Fehlern ermöglicht. Wie die Psychologin Maria Spychiger erforschte, wird das Lernpotential von Fehlern oft verschenkt, wenn Lehrer/-innen z.B. auf Fehlern herumreiten oder sich genervt abwenden („Du lernst das nie!“): „Entscheidend für eine gute Fehlerkultur ist ein Klima ohne Häme, Spott und Angst“ (Spychiger 2002, 53). Insbesondere der Unterricht über Nationalsozialismus, Holocaust und Menschenrechte kann nicht gelingen, wenn Klassenzimmer und Schule selbst ein Ort von Demütigung ist. Das Menschenrecht auf „Anerkennung der angeborenen Würde“ wird ad absurdum geführt, wenn Schüler im Unterricht selbst ihre Würde nicht geachtet wissen.
Als Voraussetzung für gelingendes Lernen im Allgemeinen und für das Erlernen von Demokratie im Besonderen ist daher eine Pädagogik der Anerkennung unabdingbar. Anerkennung lässt sich jedoch weder verordnen (z.B. von Seiten der Schulbehörden an die einzelnen Lehrenden) noch „vornehmen“ (vergleichbar den guten Vorsätzen am Silvesterabend, die bekanntlich selten realisiert werden). Anerkennung darf sich auch nicht in oberflächlicher Wortkosmetik im Sinne einer political correctness erschöpfen (wenn die Haltung des Lehrers dem Schüler gegenüber Beschämung vermittelt, werden auf diese Weise lediglich double bind-Botschaften produziert).
Um Lehrende für eine Pädagogik der Anerkennung weiterzubilden bedarf es vielmehr folgender Schritte:
1. Informationen über die psychosoziale Dynamik von Scham und ihre Abwehrformen (wie Beschämung Anderer, Häme, Verachtung, Zynismus, Ressentiment, körperliche Gewalt).
2. Psychohygiene: Es ist hilfreich, wenn Lehrer/-innen lernen, sich zu schützen vor den Beschämungen, denen sie häufig ausgesetzt sind, durch Öffentlichkeit, Medien, manche Eltern, Schüler und evt. auch Kollegen.
3. Bewusstwerden und Verarbeiten der persönlichen Scham-Erfahrungen. Denn Lehrende reagieren i.A. dann beschämend, weil ihnen dieses Verhaltensmuster aufgrund ihrer eigenen familiären, schulischen oder beruflichen Sozialisation vertraut ist. Wenn diese Prägungen nicht aufgearbeitet werden, besteht die Gefahr, daß Lehrende diese wiederholen, indem sie ihrerseits Schüler beschämen.
4. Demütigende bzw. anerkennende Interaktionen betreffen nicht nur die Sprache (was wird gesagt), sondern die ganze Haltung des Lehrenden gegenüber den Schülern (wie wird etwas gesagt: Stimme, Körperhaltung etc.). Daher müssen vertraute, demütigende Interaktionsmuster ver-lernt und die Kompetenzen zu anerkennenden Interaktionen neu er-lernt werden.
5. Viele Schüler bringen von ihrem Elternhaus traumatische Beschämungs-Erfahrungen mit, die sie durch Spott, Demütigung oder körperliche Gewalt gegen Mitschüler abreagieren. Für den Umgang mit solchen Schülern ist es hilfreich, wenn Lehrende Scham-Traumata wahrnehmen und konstruktiv mit ihnen umgehen können.
6. Bewusstmachen der Beschämungen, die im System Schule verkörpert sind (z.B. in hämischen Interaktionen unter Kollegen, in der ‚Zeugnis-Kultur’ oder in der Schulordnung) und deren Veränderung zu einer Schulkultur der Anerkennung.
Diese Arbeitsschritte werden durch das hier vorgestellte Projekt angeboten in Form von Angeboten der Lehrerfortbildung und Schulentwicklung. Weitere Informationen unter www.scham-anerkennung.de
Projektleitung:
Dr. Stephan Marks, marks[atnospam]ph-freiburg.de
Sozialwissenschaftler, Supervisor, Lehrerfortbildner. Leiter des Forschungsprojekts Geschichte und Erinnerung (Pädagogische Hochschule Freiburg) und Vorstandsvorsitzender von ‚Erinnern und Lernen e.V.’
