Was ist ein Dokumentarfilm?

"Im weitesten Sinne bezeichnet der Begriff non-fiktionale Filme, die mit Material, das sie in der Realität vorfinden, einen Aspekt der Wirklichkeit abbilden. [...] Im Allgemeinen verbindet sich mit dem Dokumentarfilm ein Anspruch an Authentizität, Wahrheit und einen sozialkritischen Impetus, oft und fälschlicherweise auch an Objektivität."
(www.kinofenster.de/lehrmaterial/glossar/D) (18.03.2017)

Wahrheit und Fiktion

" 'Filmform, die eine möglichst wirklichkeitsnahe Darstellung anstrebt', so definiert das rororo-Sachlexikon Film den Dokumentarfilm als Gattung. Mit den Wörtern 'möglichst' und 'nahe' wird ausgedrückt, dass der Dokumentarfilm nichts anderes sein kann als eine Annährung an die Realität. Und er birgt durchaus das Potential einer starken Veränderung und Manipulation der Realität. Das macht die Gattung des Dokumentarfilms so heikel. Von einem Spielfilm erwartet das Publikum nicht Wahrheit sondern Fiktion. Von einem Dokumentarfilm dagegen erwartet es Wahrheit. Auch deswegen kann diese umso leichter fingiert werden."
(www.kinofenster.de/film-des-monats/archiv-film-des-monats/kf0711/wie_wirklich_ist_die_wirklichkeit/ ) (18.03.2018)

Unterschiede: Fiktionaler Film vs. Nonfiktionaler Film

Fiktionaler FilmNonfiktionaler Film
Weltfilmt eine Welt, die er selbst konstruiert,
die er für seine Zwecke erfindet
Für das fiktionale
Kino spielt es keine Rolle,
ob die von ihm gefilmten Objekte eine reale Existenz haben oder gehabt haben. Es hat jede Freiheit seine Objekte radikal zu erfinden,
ihnen eine Form zu geben, deren Erscheinung ganz und gar imaginär ist [...].
(vgl. Scheinfeigel 1998:210-211)
filmt eine Welt, die bereits existiert, die er vielleicht einrichtet, die er transformiert,
die ihm auf jeden Fall vorausgeht
(vgl. Scheinfeigel 1998:210)
Bilderhöherer technischer Aufwand bewahrt die Kontrolle über seine Ästhetik, verweist nicht auf die Methoden seiner Herstellung;
deutlicher Zusammenhang zwischen den Bildern und dem Erzählten, da die Bilder den Inhalt illustrieren oder manchmal konterkarieren
offener filmischer Raum
SpracheDialoge zwischen Protagonisten;
geschlossener filmischer Raum
Dialoge, häufig Interviews zwischen dem Regisseur und den Protagonisten;
spontanes Gespräch, verbunden mit Handlung;
Medium wird für die  Zuschauer sichtbar;
offener filmischer Raum;
ein breites Spektrum an Akzenten, Dialekten oder Soziolekten;

Dialoge in Dokumentarfilmen sind stärker durch Ausrufe, Unterbrechungen, Überlappungen, Umgebungsgespräche, Geräusper, Füllwörter charakterisiert
Dramaturgiedramatische HandlungEreignisse aus der Wirklichkeit müssen nicht unmittelbar miteinander verbunden werden;
es fehlen oft Schlüsselszenen;
nicht dramatische Handlungen dramaturgisch organisiert
Tonhohe Qualität der Tonspur;
Umgebungsgeräusche durchdacht;
kein allwissender Kommentator;

die Handlung wird nicht/selten kommentiert;
keine Kommunikation mit Zuschauern;
die Interpretation des Films wird dem Zuschauer überlassen
geringe Qualität der Tonspur;
vielfältige Umgebungsgeräusche;
im
Dokumentarfilm wird mit einer Stimme aus dem Off gearbeitet;
Vorstellung der Figuren, des Handlungsorts, der Themen;
Gewährleistung der Plausibilität der Erzählung, indem zusätzliche Informationen  zur Handlung gegeben werden;
Aufzeigen von Interpretationsmöglichkeit des Films;
Ansprechen der Zuschauer;
Zusammenfassung der Gedanken oder der Handlung des Films, Wiederholung wichtiger Aussagen des Films zur Bestätigung

 (überarb. nach Scheinfeigel 1998: 210-211; Sponsel/Sebening 2009: 100ff.; Henseler u.a. 2011: 211-227f.)

Merkmale des Dokumentarfilms

Der Dokumentarfilm als besondere Filmgattung bietet ein großes didaktisches Potenzial im DaF-Unterricht. "Der dokumentarische Diskurs [...] verläuft zwischen den Polen Subjektivität vs. Objektivität, Fiktionalität vs. Nicht-Fiktionalität, Wahrheit vs. Wirklichkeit" (Henseler u.a. 2011: 214). "Das Bewusstsein von der Konstruiertheit und Perspektivität des Films" (Surkamp / Ziethe 2010: 365) ist bei den Zuschauern=DaF-Lernenden nicht vorhanden. Es fällt ihnen auch schwer, den subjektiven Charakter des Dokumentarfilms auf den ersten Blick zu erkennen und den Dokumentarfilm als einen Ausschnitt, ein Fragment der Wirklichkeit wahrzunehmen. Durch den Einsatz des Dokumentarfilms im DaF-Unterricht erweitern die Lernenden nicht nur ihre fremdsprachlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten, sondern erwerben auch zusätzliche Filmkompetenzen.

Spezifische didaktische Ziele im Umgang mit Dokumentarfilmen

In der Tabelle unten sind die spezifischen didaktischen Ziele aufgelistet, die im DaF-Unterricht bei der Arbeit mit Dokumentarfilmen verfolgt werden sollen.

Untersuchungsaspekte für den DaF-Unterricht

Subjektivität durch:                     interne Authentizitätssignale:
Auswahlprozesse / BildinhalteOff-Kommentar eines Erzählers oder kommentierende Stimme des Regisseurs
Struktur / Dramaturgieeingeblendete oder einmontierte Text-, Bild-, Audio-, Filmdokumente wie Zeitungsseiten, Briefe, Akten, Tonbandaufzeichnungen, historische Tonbandaufzeichnungen, historische Filmaufnahmen, Amateurvideos
Person des RegisseursFernseh-und Wochenschaubeiträge
InterviewtechnikenInterviews mit Zeitzeugen, Experten
Technikbekannte Orte, Kommentare, Zwischentitel, Bildunterschriften, eingeblendete Orts-und Zeitangaben
Filmanalytische Elemente: Kameraführung, Licht/Farbe, Ton/Musik, MontageGrafiken, Schaubilder, Karten
Vorspann: Titel, Ankündigung als "ein Film von..."

(vgl. Kammerer/Kepser 2014: 33)

 

 


Literatur:

  • Henseler, Roswita; Möller, Stefan; Surkamp, Carola (2011): Filme im Englischunterricht. Grundlagen, Methoden, Genres. Seelze: Klett/Kallmeyer.
  • Kammerer, Ingo; Kepser, Matthis (2014): Dokumentarfilm im Deutschunterricht. Eine Einführung. In: Dies. (Hrsg.): Dokumentarfilm im Deutschunterricht. Band 1. Baltmannsweiler: Hohengehren, 11-72.
  • Scheinfeigel, Maxime (1998): Abgezielte Bilder. In: Hohenberger, Eva (Hg.): Bilder des Wirklichen. Texte zur Theorie des Dokumentarfilms. Budapest: Interpress, 209-216
  • Sponsel, Daniel; Sebening, Jan (2009): Authentizität in fiktionalen und nonfiktionalen Filmen. Kriterien zur Wirklichkeitsanordnungen im filmischen Raum. In: Egloff, Lucie Bader; Rey, Anton; Schöbi, Stefan (Hrsg.): Wirklich? - Strategien der Authentizität im aktuellen Dokumentarfilm. Zürich: Züricher Hochschule der Künste, 99-107.
  • Surkamp, Carola; Ziethe, Katja (2010): Perspektivierte Bilder von Wirklichkeit in Bowling for Columbine: Welche Geschichten erzählen Dokumentarfilme und wie gehen wir damit im Unterricht um? In: Hecke, Carola; Surkamp, Carola (Hrsg.): Bilder im Fremdsprachenunterricht. Tübingen: Gunter Narr Verlag, 362-382.