Das elektronische Portfolio - ein Projekt zur Begleitung der Berufsorientierung

Vorbemerkungen zur Grundlage des Projekts

Viele Hauptschüler/innen zeigen massive Probleme fachlicher, sprachlicher und schreibstrategischer Art, wenn es darum geht, die traditionellen Textsorten des Unterrichts zu erstellen. Hinzu kommen oft motivationelle und kommunikative Probleme, wenn es darum geht, bei der Lösung von Unterrichtsaufgaben mit Peers zu kooperieren. Die Gründe für diese komplexen Lernschwierigkeiten können vielfältiger Natur sein: Die den Unterricht immer noch dominierenden künstlichen Aufgabenarrangements werden durchschaut, die fehlende Existenz realer Leser/innen wird beklagt, die angezielten Textsorten spielen in den Herkunftskulturen vieler nicht-deutscher Hauptschüler/innen oft kaum eine Rolle. Hinzu kommen Probleme mit der deutschen Sprache, die besonders im normierten Schriftgebrauch offensichtlich werden und in der Interaktion mit Peers Scham erzeugen bzw. grundsätzlich demotivierend wirken.

Dieselben Hauptschüler/innen zeigen jedoch viel Geschick und Einsatzwillen, wenn es darum geht, über sich selbst, ihr Lernen und ihr Leben in so genannten Projekt-, Brücken- oder Bewerbungsportfolios Auskunft zu geben und mit Hilfe der dort gesammelten und reflektierten Texte, Bilder u.a. Materialien Schwerpunkte ihrer persönlichen Neigungen und Interessen einem real existierenden Publikum vorzustellen. Auch wenn die meisten von ihnen im Umgang mit dem Computer-Keyboard und der elektronischen Textverarbeitung anfänglich massive Schwierigkeiten zeigen, so sind die Lerner in diesem Bereich hoch motiviert, die nötigen Kompetenzen zu erwerben und sich dabei auch gegenseitig zu helfen.

Lern- und Schreibförderung durch Portfolioarbeit

Die Entwicklung und Erprobung der Aus- und Fortbildungskonzeptionen bzw. der Arbeitsmaterialien wird von Dr. Gerd Bräuer (www.schreiblesezentrum.de) koordiniert und auf der Grundlage seiner bisherigen Erfahrungen mit Portfolioarbeit an seiner früheren Arbeitsstelle in den USA (bis 2004 Emory University) und am Schreibzentrum der Pädagogischen Hochschule durchgeführt. Gerd Bräuer bemüht sich seit Mitte der 1990er Jahre um die Entwicklung und Verbreitung von Portfolio-Konzepten in der europäischen Bildungslandschaft (vgl. dazu www.portfolio-schule.de). Seine Publikationen zum Thema Portfolio umfassen Zeitschriftenaufsätze, Buchkapitel und eine Monografie.

Rüdiger Iwan, Lehrer und langjähriger Trainer und Entwickler auf dem Gebiet der Portfolioarbeit initiierte das Projekt „Neue Wege in die Ausbildung" (vgl. auch www.perpetuum-novile.de). In Kooperation mit den BVJ-Einrichtungen in Karlsruhe und Mannheim, dem Regierungspräsidium Karlsruhe, dem Schreibzentrum der PH Freiburg und den Wirtschaftsjunioren Karlsruhe, verfolgt Rüdiger Iwan eine sinnvolle Lernbegleitung von Betriebspraktika zur Berufswahl und zur Vorbereitung auf eine erfolgreiche Lehrstellenbewerbung. Im Projekt "Neue Wege in die Ausbildung", bei dem in den letzten drei Jahren (2003-2006) HauptschulabsolventInnen ohne Erfolg bei der Lehrstellensuche ein Berufsvorbereitungsjahr absolvieren konnten, wurden u.a. folgende Beobachtungen gemacht:

  • Portfolios eignen sich als Dokumentations- und Reflexionsmappen für die Betriebspraktika.
  • Die dem Portfolio-Ansatz immanente Arbeitsweise der sukzessiven Reflexion auf verschiedenen Beobachtungs-, Erkenntnis- und Darstellungsebenen ermöglicht den SchülerInnen eine Textproduktion, die zuerst am fachlichen Lernprozess bzw. an der Entwicklung von Schreibfähigkeit und erst in der Endphase der Arbeit am Produkt - der Erstellung einer Bewerbung - orientiert ist.
  • Eine auf die Lernergruppe abgestimmte Aufgabendidaktik wird den Bedürfnissen von nicht-muttersprachigen bzw. wenig erfahrenen Schreibenden gerecht.
  • Bei der im Portfolio auftretenden Vielfalt von Themen und Textsorten findet jeder Schüler/jede Schülerin individuell bedeutsame Bezugspunkte und dadurch authentische Schreib- und Arbeitsmotivation.
  • Im Zusammenspiel von Lerntagebuch und Portfolio entsteht für die Schreibenden ein Einblick in die eigene Lernergeschichte, wobei die wahrgenommenen Phasen persönliche Bedeutsamkeit erlangen und diese individuelle Wertschätzung Ausdruck findet in der Gestaltung des Portfolios.
  • Durch die in der Portfolio-Arbeit auftretenden vielfältigen Schreibanlässe und sinnvollen Aufgabenverknüpfungen können sich die Schüler/innen in die angezielten Adressaten sukzessive besser hineinversetzen und sind dadurch besser in der Lage, adressatenbezogene Texte zu produzieren.
  • Durch individuelle Förderung in Peer-Feedback und Schreibberatung wächst die Bereitschaft zur gezielten Textüberarbeitung und -korrektur.
  • Mit dem Wissen, dass aus den Praktikumsmappen letztendlich ein Bewerbungsportfolio für eine reale Lehrstellenbewerbung erwächst, sind viele Schüler/innen bereit, sich für längerfristige Arbeitsprozesse und den entsprechend notwendigen Aufwand zu motivieren.

Projektdurchführung

Der oben referierte Erkenntnisstand aus dem Projekt "Neue Wege in die Ausbildung" deckt sich mit anderen Untersuchungen zum Einsatz von Portfolios in schulischen Ausbildungsprozessen. Durch Studien zur schulischen Portfolioarbeit in den USA seit den 1980er Jahren und in den deutschsprachigen Ländern seit den 1990er Jahren wurde klar, dass Portfolios die Ausprägung von Kompetenzen in der Fachausbildung, der Textproduktionsfähigkeit und, im Falle des elektronischen Portfolios, in der Beherrschung elektronischer Medien befördern. Durch Portfolios kann bei Lernenden die Reflexions- und Steuerungsfähigkeit ihres Handelns beeinflusst bzw. bei Lehrpersonen Instruktion und Begleitung auf die jeweils aktuellen Bedürfnisse der Lernenden ausgerichtet werden. Der bisherige Forschungsstand zur Portfolioarbeit bezieht sich, bis auf wenige Ausnahmen zum lebenslangen Lernen, auf bestimmte Altersstufen, Ausbildungsabschnitte bzw. die Entwicklung spezieller Kompetenzen. Das spezielle Lehr- und Lernpotenzial von Portfolios als Brückenelement zwischen verschiedenen Altersstufen, Fächern, Ausbildungsabschnitten und Kompetenzen bleibt daher mehr oder weniger ungenutzt. Im vorgestellten Projekt sollen die Möglichkeiten des Portfolios als Vermittler zwischen Schule und Berufsausbildung im Allgemeinen und Fachunterricht, Praktikum und Bewerbung im Besonderen ergründet werden. Dabei soll ermittelt werden, in welchem Verhältnis sich Instruktion und Test und individuelle Nutzung des Portfolios als Lernmedium befinden sollten, um intrinsische und extrinsische Motivation bei den Lernern in ein für den Wissens- und Könnenserwerb förderliches Gleichgewicht zu bringen.

Auf der Grundlage einer systematischen Auswertung des eingangs vorgestellten Projekts "Neue Wege in die Ausbildung" (2003-2006) sollen alternative Konzepte für die Berufsorientierung ab der Klassenstufe 6 an den der baden-württembergischen Hauptschulen und entsprechende Arbeitsmethoden und -materialien entwickelt und erprobt werden. Dabei wird eine sinnvolle Anknüpfung an bereits vorhandene (extra-)curriculare Strukturen in der Hauptschule angestrebt. Die Erprobungsphase des Projekts ist im September 2007 an der Schlossschule Karlsruhe-Durlach angelaufen.