GEMÄLDE VON MARY BOYKIN CHESNUT   AUTORIN:
 LINDA KERN

Im Amerikanischen Bürgerkrieg wurde das in den Antebellum-Jahren übliche Verständnis der Geschlechterrollen von Frauen quasi hinter den Kulissen des Krieges auf die Probe gestellt. Es handelte sich um gebildete Frauen, oft mit schriftstellerischen Ambitionen, die diesen Kampf ausfochten. Eine von ihnen war Mary Chesnut, Frau eines Generals der Konföderation und nach außen hin eine typische Südstaaten-Lady. In ihrem Bürgerkriegs-Tagebuch hielt sie die Notwendigkeit einer Veränderung der Frauenrolle fest, ohne jedoch über eine gesellschaftliche Umsetzung nachzudenken. Louisa May Alcott aus der Union hingegen unterstützte in ihren vor und während des Bürgerkrieges veröffentlichten Romanen vehement den Kampf der Frauen für Freiheit.

1. Die Veränderungen für weiße Frauen durch den Krieg

"Leben in Kriegszeiten"

In der Union
waren Frauen nicht unmittelbar vom Kriegsgeschehen betroffen. Sie spürten die Wirkungen des Krieges allerdings dann deutlich, wenn ihre Ehemänner in den Krieg zogen und sie ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten hatten. Folglich stellte sich für viele Frauen die Frage, inwieweit sich die bis dahin typischen Genderrollen veränderten.

In der Konföderation
kamen viele Frauen direkt mit dem Krieg in Berührung. In sklavenhaltenden Haushalten übernahmen sie die Aufsicht über alle Sklaven und Sklavinnen. Wenn diese in die Nordstaaten flohen oder sich weigerten, schwere körperliche Arbeiten zu verrichten, wurden diese Tätigkeiten von weißen Frauen und Kindern ebenso ausgeübt wie in den sklavenlosen Haushalten, in denen seit Kriegsbeginn die Arbeit der Männer zu übernehmen war. Viele Frauen flohen aus Angst vor dem Krieg oder aus Hunger und Verzweiflung tiefer nach Süden oder ließen sich, in der Hoffnung auf Arbeit, in den Städten nieder.

Gemeinsamkeiten
In den Nord- wie in den Südstaaten übernahmen Frauen wohltätige Aufgaben und engagierten sich für die Rechte der Sklaven. Dagegen beschäftigten sie sich kaum mit den Hintergründen des Krieges.

2. Weiße Schriftstellerinnen der Union

„Botschafterinnen des Wandels“

In den Nordstaaten unterstützten Autorinnen den Krieg der Union moralisch. In verschiedenen Zeitschriften ermutigten sie immer wieder ihre Landsleute, vor allem aber Frauen, trotz aller kriegsbedingten Schwierigkeiten nicht aufzugeben.

Eine dieser Schriftstellerinnen, die New Yorker Kinderbuchautorin Mary Dodge (1831-1905), fasste diese Situation in folgende Worte:

“I thank God that instead of giving me a wash-tub, or a needle, or a broom to work with (...) he has given me a pen, and a whole country for my family.”

Cox, Joseph T. The Written Wars: American War Prose through the Civil War. North Haven, Conn.: Archon Books, 1996, S. 83.

Thematisiert wurde vor allem der dem traditionellen Rollenverständnis zuwiderlaufende Einsatz von Frauen in bislang männlich dominierten Arbeitsfeldern, die für die Versorgung der Daheim-Gebliebenen ebenso wie der Soldaten erforderlich waren. Vor diesem Hintergrund drangen Autorinnen auch in nach dem Krieg veröffentlichten Texten auf gesellschaftliche Veränderungen.

Die in der Konföderation lebende Mary Chesnut meinte im November 1861 über Schriftstellerinnen der Union:

“Yes – how I envy those saintly Yankee women in their clear, cool New England homes. Writing books to make their fortune and to shame us. And the money they earn goes to them. Here every cent goes to pay the factor who supplies the plantation (…)”,

Chesnut, Mary and Comer V. Woodward, Ed. Mary Chesnut's Civil War. New Haven: Yale Univ. Press, 1981, S. 248-249

3. Louisa May Alcott (1832-1888)

Über das Leid des Krieges“

Louisa May Alcott wuchs in Massachusetts auf. Ihre Eltern waren im reformpädagogischen und sozialen Bereich sehr aktiv. Von klein auf bewegten sich Louisa May und ihre drei Schwestern in einem künstlerisch-literarischen Umfeld. Freunde der Familie waren z.B. der Philosoph Ralph Waldo Emerson (1803-1882) und der Schriftsteller Henry David Thoreau (1817-1862).

Für ihre in ärmlichen Verhältnissen lebende Familie sorgte Louisa May bereits in frühen Jahren – eine ungewöhnliche Entscheidung für eine Frau des 19. Jahrhunderts. Sie arbeitete zunächst als Hausmädchen, Näherin und Krankenschwester, gelegentlich aber auch schon als Schriftstellerin. Als ihr Verleger sie nach dem Krieg aufforderte, Mädchenbücher zu verfassen, gewann sie mit ihrem kommerziellen Erfolg endgültig ihre Unabhängigkeit.

 “I want to realize my dream of supporting my family and being perfectly independent. Heavenly hope!”

Louisa May Alcott im Jahre 1868

Alcott, Louisa M., Joel Myerson, Daniel Shealy and Madeleine B. Stern. The Journals of Louisa May Alcott. 1st ed. Boston: Little Brown, 1989, S. 162.

FOTOGRAFIE VON LOUISA MAY ALCOTT
ZEICHNUNG AUS EINER SPÄTEREN VERSION DES BUCHES (1871)

Hospital Sketches

Louisa May Alcott veröffentlichte Kurzgeschichten, Romane und Erzählungen – unter anderem die “Hospital Sketches. It is an army Nurses true account of her experiences during the Civil War” (1863). Diese Erzählungen und Essays basieren auf Briefen, die sie während ihrer Tätigkeit als Krankenschwester im Amerikanischen Bürgerkrieg geschrieben hat. Weniger der Krieg an sich als das durch ihn hervorgerufene Leid steht im Mittelpunkt dieser “Sketches”. Weltweit bekannt wurde sie mit ihren seit 1868 veröffentlichten Erzählungen “Little Women” (dt.: „Betty und ihre Schwestern“), mit denen sie ihre Kindheit autobiographisch reflektierte.

Auszüge aus: “Hospital Sketches”:

“I could have sat down on the spot and cried heartily, if I had not learned the wisdom of bottling up one’s tears for leisure moments. Such an end seemed very hard for such a man, when half a dozen worn out, worthless bodies round him, were gathering up the remnants of wasted lives, to linger on for year perhaps, burdens to others, daily reproaches to themselves.”

Alcott, Louisa M. Hospital Sketches. Auckland: The Floating Press,, 1863, S. 56.

Die rassische Hierarchisierung des in den Krankenhäusern arbeitenden Personals entging ihr nicht:

 “The nurses were willing to be served by the colored people, but seldom thanked them, never praised, and scarcely recognized them in the street;”

Ebd., S. 82.

4. Mary Boykin Chesnut (1823-1886)

GEMÄLDE VON MARY BOYKIN CHESNUT

„Tagebuch des Krieges“

Als Tochter des Gouverneurs, späteren US-Senators und wohlhabenden Plantagenbesitzers Stephen Decatur Miller (1787-1838) wuchs Mary Boykin Chesnut in South Carolina auf, wo ihr eine umfassende Bildung zuteil wurde. Mit 17 Jahren heiratete sie den Anwalt James Chesnut (1815-1885), der vor dem Bürgerkrieg ebenfalls dem Senat angehörte, dann zum General der konföderierten Armee ernannt wurde. Als Mitglied der gesellschaftlichen und politischen Oberschicht war Mary Boykin Chesnut eine der angesehensten Bürgerinnen von Charleston/South Carolina.

“A Diary from Dixie”

Aus dieser Position verfügte Mary Boykin Chesnut über eine besondere Sichtweise auf die Geschehnisse des Bürgerkrieges, über die sie vom 15. Februar 1861 bis zum 2. August 1865 Tagebuch führte. Ihre Aufzeichnungen halten das Leben der Südstaaten-Gesellschaft zur Kriegszeit fest. Der Krieg bildet die Kulisse des Alltags, ist aber in Gestalt von vorbeiziehenden Soldaten, in Gerüchten über den Kriegsverlauf und in Berichten über das Zusammentreffen mit konföderierten Offizieren ständig präsent. Die Sklaverei sieht Mary Chesnut ebenso kritisch wie das zeitgenössische Frauenbild. Ihre Aufzeichnungen wurden 1905 postum als “A Diary from Dixie” veröffentlicht.

Auszüge aus: “A Diary from Dixie”:

18. März 1861: “I wonder if it be a sin to think slavery a curse to any land. (…) Men & women are punished when their masters & mistresses are brutes & not when they do wrong – & then we live surrounded by prostitutes. (…) God forgive us, but ours is a monstrous system & wrong & iniquity. This only I see (…).”

Chesnut, Mary B. M., Comer V. Woodward und Elisabeth Muhlenfeld. The Private Mary Chesnut: The Unpublished Civil War Diaries. New York, Oxford: Oxford Univ. Press, 1984, S. 42.


29. Juli 1861: “The Yankees confess their defeats – but are making preparations for us. What next oh my heart. Banks told of Arnold Harris having a dinner party. They say we cut up a Zouave into four parts – & that we have prisoners tied to a tree & throw bayonets at them. The liars. We are treating their men as well as we do ours.”

Ebd., S. 108.

30. September 1861: “Mrs. Reynolds & her daughters came down. Harriet calls them refined, &c,&c. I see nothing but shy, awkward, inoffensive, silent – but lady like girls.”

Ebd., S. 165.

5. Frauenrechtsbewegung in Amerika im 19. Jahrhundert

"Ein kurzer Überblick"

Bereits im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775-1783) hatten Frauen die Aufgaben und Tätigkeiten ihrer im Krieg kämpfenden Männer übernommen; sie wurden zu ‚Töchtern der Freiheit‘. Nach dem Krieg setzte jedoch wieder eine strikte Aufgabenteilung der Geschlechter ein. Dennoch begann damals der organisierte Kampf der Frauen für mehr Rechte.

Die ersten Organisationen

Im 19. Jahrhundert waren die USA von den Freiheitsbewegungen der Sklaven und der Frauen geprägt. Diese Bewegungen waren oft miteinander verwoben, da sich Frauenrechtlerinnen zumeist auch gegen die Sklaverei wandten.

Frauenrechtlerinnen engagierten sich seit den 1840er Jahren immer stärker für eine Vernetzung der Frauen und deren Einbeziehung in das politische Leben, indem sie Hilfsorganisationen gründeten und nationale Tagungen veranstalteten. So gründeten Elizabeth Cady Stanton (1815-1902) und Susan B. Anthony (1820-1906) während des Amerikanischen Bürgerkrieges 1863 die Women’s National League, um Frauen zu organisieren und die Sklaverei abzuschaffen.

SUSAN B. ANTHONY (CA. 1870)

Diese Gruppe hatte bereits ein Jahr nach ihrer Gründung 400.000 Unterschriften gesammelt, die dem Kongress vorgelegt wurden. Nachdem am 18. Dezember 1865 der 13. Zusatzartikel der Verfassung der Vereinigten Staaten in Kraft getreten und damit die Sklaverei formal endgültig abgeschafft worden war, standen fortan die Rechte der Frauen im Fokus der Women’s National League.

Die Gründung der National Woman Suffrage Association (NAWSA)

Nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg spaltete sich die Frauenrechtsbewegung über die Wahlrechtsfrage auf. Eine Gruppe unter E. C. Stanton und S. B. Anthony ging auf Distanz zu den beiden großen Parteien, den Demokraten und den Republikanern. Seit 1869 trat diese Gruppe als National Woman Suffrage Association (NAWSA) mit dem Ziel auf, das Frauenwahlrecht in der Verfassung zu verankern. In der Folge wurden überall in den USA lokale Suffrage Societies organisiert, als deren Dachverband die NAWSA seit 1890 fungierte.

Bereits seit 1881 hatten E. C. Stanton und S. B. Anthony begonnen, die schließlich sechsbändige “History of Woman Suffrage” herauszugeben. Aus dem Einsatz, den Frauen während des Bürgerkrieges geleistet hatten, leiteten sie den Anspruch ab, dass Frauen nun die gleichen Rechte erhalten sollten wie die als Soldaten eingesetzten Männer. Sie bezogen sich dazu vor allem auf die Frauen, die im Bürgerkrieg als Soldaten verkleidet gekämpft hatten:

“Hundreds of women marched steadily up to the mouth of a hundred cannon pouring out fire and smoke, shot and shell, moving down the advancing hosts like grass; men, horses, and colors going down in confusion, disappearing in clouds of smoke; the only sound, the screaming of shells, the crackling of musketry, the thunder of artillery … through all this women were sustained by the enthusiasm born of love of country and liberty.”

Stanton, Elizabeth C., Susan B. Anthony, Matilda J. Gage, Ida H. Harper. History of Woman Suffrage. New York: Fowler & Wells, 1881, S. 21.

COVER ZU HARPER'S NEW MONTHLY MAGAZINES (SEPTEMBER 1893)

Errungenschaften:

  • 1890 erhielten erstmals Frauen in Wyoming das Frauenwahlrecht. Bis 1896 hatten drei weitere westliche Staaten – Utah, Colorado und Idaho – das Frauenwahlrecht eingeführt.
  • 1920 und somit nach den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges wurde in die Verfassung der 19. Zusatzartikel aufgenommen, der Frauen das volle Wahlrecht gab.

Schriftstellerinnen und die Frauenrechtsbewegung

Die meisten Schriftstellerinnen unterstützten die Arbeit der Frauenrechtsbewegung – wenn auch nicht immer öffentlich. Doch hofften sie, mit literarischen Werken und Zeitschriftenbeiträgen den Blick der Gesellschaft auf die Anti-Sklaverei-Debatte und auf den Kampf der Frauen um ihre Rechte zu lenken, ohne selbst als politische Aktivistinnen zu gelten.

Für die Rechte der Frauen setzten sich ein:

Bekannte Frauenzeitschriften:

  • Peterson´s Ladies Magazine (Erstveröffentlichung 1842)
  • Arthur´s Home Magazine (Erstveröffentlichung 1852)

Nationale Reformzeitschriften:

  • Atlantic Monthly (Erstveröffentlichung 1857)
  • Continental Monthly (Erstveröffentlichung 1862)
  • The Revolution (Erstveröffentlichung, 1868; Mitherausgeberin: E. C. Stanton)

Sonstige bekannte Zeitschriften:

  • Harper´s New Monthly Magazine (Erstveröffentlichung 1850)
  • New York Ledger (Erstveröffentlichung 1855)

Mary Chesnut beurteilte im November 1861 das Engagement der Frauen in der Union gegen die Sklaverei sowie das Werk von Harriet Beecher Stowe:

“These women are more troubled by their duty to negros, have less chance to live their own lives in peace than if they were African missionaries. They have a swarm of blacks about them as children under their care – not as Mrs. [Harriett Beecher] Stowe´s fancy paints them, but hard, unpleasant, unromantic, undeveloped savage Africans.”

Chesnut, Mary and Comer V. Woodward, Ed. Mary Chesnut's Civil War. New Haven: Yale Univ. Press, 1981, S. 245.

6. Schwarze Schriftstellerinnen

Bereits in den Antebellum-Jahren erhoben schwarze Frauen zum ersten Mal öffentlich ihre Stimmen. Im Amerikanischen Bürgerkrieg galt ihr Interesse besonders der Abolition, aber auch der Unterstützung schwarzer Soldaten. So wurden Briefe, Artikel, Lieder, Gedichte und Reden veröffentlicht, in welchen schwarze Frauen sowohl sich gegenseitig als auch ihre Männer, Brüder und Söhne im Krieg unterstützten. Beispielsweise war die Abolitionistin Frances Ellen Watkins Harper (1825-1911) eine der ersten schwarzen Autorinnen Amerikas, die zu verschiedenen Ereignissen des Bürgerkrieges Gedichte verfasste und veröffentlichte. So thematisierte sie den Tod von 600 schwarzen Soldaten des 54th Massachusetts Infanterie Regiments bei der Schlacht um Fort Wagner von 1863 ebenso wie Lincolns Proclamation of Emancipation von 1863.

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