abgeschlossenes Forschungsprojekt

 

Abgeschlossenes Forschungsprojekt

„Anerkennungsverhältnisse in urbanen Grundschulen. Eine binational vergleichende ethnographische Un­tersuchung“ 

Gefördert durch die DFG von 2010-2014

Geschäftszeichen: FR 2846/2-1

durchgeführt von Bettina Fritzsche 

Im Fokus des Forschungsprojekts „Anerkennungsverhältnisse in urbanen Grundschulen. Eine binational vergleichende ethnographische Un­tersuchung“ standen die Beziehungen zwischen Lehrer_innen und Schüler_innen, die analytisch als Anerkennungsverhältnisse gefasst und an zwei jeweils in Berlin und London gelegenen Grundschulen untersucht werden. Zentraler theoretischer Bezugspunkt war neben praxistheoretischen Überlegungen die Anerkennungstheorie Judith Butlers.

Mittels verschiedener qualitativer Erhebungsmethoden (Beobachtungen, Videografien, Gruppendiskussionen, Interviews, Dokumentenanalysen, Analyse von Feed-Back-Gesprächen) wurden mit der Dokumentarischen Methode Praktiken der Interaktionen und Praktiken der Reflektion rekonstruiert und das implizite Wissen und die Orientierungsmuster, auf die diese verweisen, herausgearbeitet. Schließlich wurden die impliziten und expliziten Normen der Anerkennung, die dieses implizite Wissen jeweils rahmten, analysiert. Der Kulturvergleich zielte dabei darauf ab, die Bedeutung institutioneller, historischer und mentalitätsgeschichtlicher Rahmenbedingungen bei der Gestaltung pädagogischer Beziehungen an Schulen zu analysieren.

In der abschließenden Zusammenführung der Ergebnisse ließen sich unterschiedliche, bzw. unterschiedlich gewichtete Normen der Anerkennung an beiden Schulen auf jeweils verschiedene länderspezifische Rahmenbedingungen zurückführen sowie die Konsequenzen der durch diese Bedingungen hervorgebrachten verschiedenen (und widersprüchlichen) Normen der Anerkennung für die Verletzbarkeit von Schüler_innen und Lehrer_innen herausarbeiten.

Es zeigte sich, dass die pädagogischen Praktiken an der Berliner Schule stark durch eine Norm der individuellen Zuwendung zu und Anerkennung von Schüler_innen als „ganze Personen“ strukturiert waren sowie durch eine Norm der Fürsorge und eine Norm der Förderung der Selbständigkeit von Schüler_innen. Relevant war weiterhin eine Norm der gerechten Bewertung von Schüler_innen. Die Beziehungen zwischen Pädagog_innen und Schüler_innen, jedoch auch zwischen den verschiedenen an der Schule tätigen pädagogischen Professionellen waren weiterhin orientiert an einer Norm des partizipativen Miteinanders.

In London hingegen waren pädagogische Praktiken stark orientiert an der Norm eines möglichst störungsfreien Ablaufs eines schulischen Geschehens bzw. des Unterrichtsgeschehens sowie innerhalb des Unterrichts einer Norm der Fokussierung auf Lerninhalte. Von hoher Relevanz für pädagogische Beziehungen waren weiterhin die Norm des Risikobewusstseins und der Verdachtsausschlusses. Als dominanter im Vergleich zu einer Norm der individuellen Zuwendung erwies sich eine Norm des Zusammenhalts der schulischen Gemeinschaft als plurale, egalitäre Gemeinschaft.

Als zentraler bildungspolitischer Hintergrund für die an der Londoner Schule rekonstruierten Praktiken und Normen lässt sich die starke Orientierung an Kontrollen - insbesondere Output-Kontrollen - und einer Wettbewerbsstruktur des englischen Bildungssystems benennen. Dieser politische Kontext erklärt die Dominanz der rekonstruierten Norm eines möglichst störungsfreien Ablaufs des geplanten schulischen Geschehens, die immer auch verbunden ist mit der Angst vor entsprechenden Sanktionen.

Während das englische System oftmals gerade dafür kritisiert wird, dass der in seiner Tradition fest verankerte Ethos des “pastoral care“ im Zuge der genannten bildungspolitischen Entwicklungen geopfert wurde, deuten meine Ergebnisse allerdings eher darauf hin, dass die “performativity“ mit einer Entpersonalisierung und Funktionalisierung des ursprünglichen “pastoral care“ einherging. Während die an einer Norm der Fürsorge orientierten Weisen der Zuwendung zu „besonderen“ Schüler_innen in Berlin oftmals exkludierenden Charakter hatten, erwiesen sich außerdem die Praktiken der Zuwendung zu „besonderen“ Schüler_innen in England als vergleichsweise inkludierender, da sie stärker orientiert waren an der Norm eines Zusammenhalts der schulischen Gemeinschaft als plurale, aber egalitäre Gemeinschaft. Im Vergleich der pädagogischen Beziehungen an beiden Schulen zeigte sich weiterhin, dass sich die hohe Bedeutung zentraler Bewertungsinstrumente in England entlastend auf das Verhältnis von Schüler_innen und Lehrkräften auswirkt, insofern letztere über wenig Bewertungsmacht verfügen. An der Berliner Schule führte die Norm einer gerechten Bewertung auch deshalb zu Konflikten im Verhältnis von Lehrkräften und Schüler_innen, als sie mit einer Norm des partizipativen Miteinanders ins Gehege geriet.

In Bezug auf die im Projekt verfolgte Frage nach der Verletzbarkeit von Schüler_innen und Lehrer_innen zeigte sich im Blick auf beide Schulen, dass oftmals Maßnahmen mit dem Ziel, die Verletzbarkeit von Schüler_innen einzudämmen - wie etwa der Klassenrat oder eine „child protection policy“ - auf der Ebene pädagogischer Praktiken eher gegenteilige Effekte zeigten und neue Verletzbarkeiten produzieren.