ABSTRACTS & REFERENTEN


Matthias Baumann (Pädagogische Hochschule Freiburg)
Workshop I: Sounddesign – Geräusche als unsichtbare Schauspieler
Wir sehen sie nicht und doch können wir uns Filme ohne sie nicht vorstellen: Klänge und Geräusche. In Science-Fiction-Filmen gibt es im Weltraum auf jeden Fall ein tiefes dauerndes Grollen; kein Zweifel! Obwohl wir wissen, dass es auf keinen Fall so sein kann, akzeptieren wir das Geräusch im Film. Viele Geräusche im Film gibt es in der Wirklichkeit so nicht, und doch brauchen wir sie damit wir uns im Film orientieren können. Mit Geräuschen lässt sich aber auch die Dramaturgie eines Films entscheidend beeinflussen und verändern. Die Herstellung solcher Geräusche und sie entsprechend anzuwenden wird heutzutage als Sounddesign bezeichnet.
Der Workshop wird sich mit der Bedeutung und der Herstellung von Geräuschen in Film und Fernsehen beschäftigen. Außerdem erhalten die TeilnehmerInnen die Möglichkeit Aufnahme, das Schneiden von O-Tönen, Sounddesign und den Umgang mit entsprechenden Audioeffekten zu erleben und auszuprobieren.

Workshop II: Trickfilmproduktion in der Schule
Der Stop-Motion-Trickfilm fasziniert die Menschen seit fast 100 Jahren. Seine Faszination liegt mitunter auch darin, dass mit wenigen Mitteln und viel Fantasie fast keine filmischen Grenzen existieren. Die Produktion eines Stop-Motion-Films verbindet medienpädagogisches Arbeiten mit handwerklich/künstlerischer Kreativität und eröffnet im Schulkontext neue Methoden des praktischen Medieneinsatzes.
Besonders in der Arbeit mit Kinder und Jugendlichen bietet die Produktion von Trickfilm sehr viele Bereiche, in denen verschiedenen Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen gefördert und genutzt werden können. Didaktisch werden hier Medien- und Sozialkompetenz und fachbezogenes Inhaltswissen gefördert. In diesem Workshop erhalten die TeilnehmerInnen einen Einblick in das Trickfilmmachen in der Schule und die technischen Voraussetzungen, die dazu nötig sind.


Arne Brücks: Filmbildung im universitären Kontext. Die Kinderfilmuniversität Babelsberg – ein Praxisprojekt

Im Jahr 2007 wurde die Kinderfilmuniversität von der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) „Konrad Wolf“ (jetzt Filmuniversität Babelsberg "Konrad Wolf"), den Thalia Arthouse Kinos in Potsdam und dem Potsdamer Filmmuseum ins Leben gerufen – als erste Kinderfilmuniversität Europas!

Wie der Name schon verrät, haben Kinder hier die Möglichkeit, ein wenig Hochschulluft zu schnuppern und gleichzeitig in die Geheimnisse des Filmemachens eingeweiht zu werden. Jedes Semester erhalten bis zu 80 junge Studierende zwischen 9 und 12 Jahren die Möglichkeit, an den Veranstaltungen der Kinderfilmuniversität teilzunehmen. Die 60-minütigen "Vorlesungen" geben auf anschauliche Weise einen Einblick in die unterschiedlichsten Bereiche des Films. Dazu gehören zum Beispiel Filmgeschichte, Regie, Kamera, Ton, Animation, Montage und auch das Schauspiel.

Die Vorlesungen finden abwechselnd in der Filmuniversität Babelsberg "Konrad Wolf", im Filmmuseum Potsdam und den Thalia Programm Kinos statt. Professorinnen und Professoren der Hochschule, Mitarbeiter des Filmmuseums und auch Filmschaffende aus der Praxis führen mit viel Kreativität und Einfallsreichtum an die Themen heran und zeigen, wie ein Film entsteht. Der Vortrag vermittelt einen umfassenden Eindruck von der Konzeption und Umsetzung der Kinderfilmuniversität Babelsberg.

Claudia Bullerjahn (Gießen)
Jenseits von Kochrezepten – Filmmusik und Hochschuldidaktik
Filmmusikwerke bereichern zunehmend das Repertoire von Schulorchestern und des Instrumentalunterrichtes, gleichwohl hat das Thema noch selten in den schulischen (Musik-)Unterricht Einzug gehalten. So kommt es, dass Schüler zwar regelmäßig fernsehen, Filme im Internet anschauen und bisweilen ins Kino gehen, aber nichts Adäquates zur Filmmusik sagen können, weil sie für deren Wahrnehmung nicht sensibilisiert wurden und ihnen Begriffe und analytisches Handwerkszeug fehlen. Mit Blick auf audio-visuelle Mediengegenstände eröff-nen sich jedoch vielfältige interdisziplinäre Möglichkeiten der Unterrichtsgestal-tung, die insbesondere die Analyse der Musik im Kontext eines Films, das kom-pilatorische, improvisatorische oder kompositorische Neuvertonen von Film-ausschnitten und die Bewusstmachung von filmmusikalische Wirkungsmecha-nismen betreffen. Allerdings wird Filmmusik ebenfalls nur an wenigen Hoch-schulinstituten gelehrt und deshalb selten Gegenstand der Ausbildung des (mu-sik-)wissenschaftlichen und -pädagogischen Nachwuchses. Als Folge daraus werden zukünftige Lehrer während ihrer Ausbildung in der Regel weder genü-gend befähigt, filmmusikalische Themen zu erfassen und zu reflektieren, noch diese systematisch für den (Musik-)Unterricht aufzubereiten. Hierbei sind we-der spezifische (Musik-)Didaktiken, noch in der Art von ‚Kochrezepten‘ aufbe-reitete Modellanalysen zu einem Bildungskanon an Filmen von Nöten, sondern eher die Kenntnisse prinzipieller Herangehensweisen, die ggf. flexibel für die Beschäftigung mit bei Schülern und Studenten besonders beliebten Filmen an-zupassen sind. Zudem ist weniger eine Schließung von Materiallücken erforder-lich, als eine erhöhte Kooperation zwischen verschiedenen Wissenschaftsberei-chen und Fachdidaktiken, denn Filmmusik kann nur sinnvoll im Kontext sämtli-cher anderer Elemente eines Films (z.B. Bildgestaltung, Sprache, gesellschafts-politische und ökonomische Aspekte etc.) betrachtet werden. Der Vortrag wird zunächst die zentralen Begriffe Funktion und Wirkung voneinander abgrenzen und danach exemplarisch an Filmausschnitten aus zwei bei Kindern, Jugendli-chen und Erwachsenen gleichermaßen beliebten computeranimierten Filmen Grundprinzipien von filmmusikanalytischen und handlungs- bzw. produktions-orientierten Zugängen verdeutlichen.


Martin Dorr (Universität Bayreuth)
Schulfach Film?! – Neue Wege der schulischen Filmbildung
Natürlich sind die Grenzen für eine Implementierung schulischer Filmbildung in Form eines regulären Schulfaches deutlich erkennbar – unüberwindbar sind sie allerdings nicht.
Film als Unterrichtsfach zu verstehen eröffnet einen weitreichenden Zugriff auf das vielfältige didaktische und pädagogische Potential des schülernahen Lerngegenstandes Film für die schulische Bildung und ermöglicht zugleich eine der Komplexität des Gegenstandes Film entsprechende multiperspektivische Annäherung sowohl aus theoretisch-rezeptiver als auch praktisch-produktiver Perspektive.
Seit 2011 wir an einem Gymnasium in Berlin Film als Unterrichtsfach in der gymnasialen Oberstufe angeboten. Es kann ein- bzw. zweijährig belegt und prüfungsrelevant ins Abitur eingebracht werden. Zur Diskussion gestellt werden das Konzept und die praktische Implementierung dieses Ansatzes sowie Möglichkeiten der Ausweitung auf weitere Jahrgangsstufen und Schularten.

Eva und Dirk Fritsch (Lernort Film)
Filmanalyse für den Unterricht. Eine Bilanz aus 20 Jahren Filmbildung
Nach wie vor stellt die Analyse von Filmen im Unterricht eine besondere Herausforderung für Lehrer und Lehrerinnen dar. Von den technischen Schwierigkeiten bei der Verfilmung bis zu dem analysierenden Zugriff auf Form und Inhalt der filmischen Mittel ist es dennoch immer lohnend, mit Lehrkräften in den Prozess der unterschiedlichen Filmzugänge einzusteigen. Wir leisten eine Bilanz aus unserer über 20jährigen Filmbildung.

Mechtild Fuchs, Michael Klant und Joachim Pfeiffer (PH Freiburg)
Lauf Junge, lauf integrativ – ein Beispiel aus der Hochschuldidaktik
Die integrative Filmdidaktik hat an der PH Freiburg nun schon eine längere Tradition. Lehrende aus den Abteilungen Deutsch, Kunst und Musik berichten über Formen der interdisziplinären Zusammenarbeit in Seminaren und Symposien. Schon im Jahr 2007 hatte die Kooperation zur Entwicklung eines gemeinsamen Filmcurriculums geführt. Aus diesem werden Anregungen für die Filmarbeit in unterschiedlichen Schulstufen erläutert. Exemplarisch soll die integrative Filmarbeit aus den Perspektiven der Fächer Deutsch, Kunst und Musik anhand des Films „Lauf Junge, lauf!“ von Pepe Danquart dargestellt werden, der am Eröffnungsabend ganz gezeigt und vom Regisseur kommentiert wird.

Jörg Gabriel (Dezernent NLQ Niedersachsen)
Filmbildungsmaßnahmen des Niedersächsischen Landesinstituts für schulische Qualitätsentwicklung
Niedersachsen hat die Filmbildung zu einem ihrer Schwerpunktthemen gemacht. Mit der Umsetzung der Filmbildung an Schulen hat das Kultusministerium das Niedersächsische Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ) beauftragt.

Unsere Maßnahmen:

  • Die Qualifizierungsmaßnahme Taschengeldkino ermöglicht die Weiterbildung von Lehrern zu Filmlehrern. In der ca. einjährigen Qualifizierung durch Filmprofis werden Lehrer in der Durchführung praktischer Filmarbeit mit Schülern ausgebildet. Aktuell läuft der vierte Durchgang und es sind damit insgesamt 60 Personen qualifiziert worden.
  • Der Filmwettbewerb Niedersachsen Filmklappe für Kinder und Jugendliche ist ein Wettbewerb, der zuerst regionale Sieger festlegt und anschließend aus diesen Siegern einen Landessieger ermittelt. Dieses Jahr fand die Preisverleihung in Aurich zum 7. Mal statt. Es haben sich 2200 Schüler mit 312 Filmen an dem Wettbewerb beteiligt.
  • Der Niedersächsische Filmkanon ist ein konkretes Angebot an Material für den Unterricht. Wir bieten Spielfilme mit passenden didaktischen Materialien für die Filmanalyse an. In fünf Staffeln wurden so 15 Spielfilme bearbeitet. Die DVDs lassen sich an den Medienzentren ausleihen. Die neueste Staffel ist komplett online verfügbar und auch auf mobilen Endgeräten nutzbar. In 2015 erfolgt ein Relaunch aller Filme auf interaktiven PDFs.
  • FilmSummit: Ein Kongress zur Filmbildung, der alle zwei Jahre stattfindet und zentrale Themen und Trends vermittelt.

Unsere größte Herausforderung besteht darin, Kompetenzen, die wir einmal erschaffen haben, aktiv zu halten. Auch aus diesem Grund ist uns der Netzwerk-­‐Gedanke besonders wichtig. Über die regionale Vernetzung aller Personen und eine Einbindung in die Medienberatung Niedersachsen erreichen wir einen Austausch an Ideen und Impulsen und eine gegenseitige Unterstützung bei Projekten.

Natalia Hahn (Pädagogische Hochschule Freiburg)
Filmbildung im DaF-didaktischen Handlungsfeld: Entwicklung eines Filmkanons für den DaF-Unterricht im Auslandsschulwesen
Die Pädagogische Hochschule Freiburg und die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen führen aktuell ein Forschungsprojekt zur Entwicklung eines Filmkanons für den DaF-Unterricht im Auslandsschulwesen durch (Projektdauer: 01.04.2014 – 31.10.2015).

Die Bedeutung und das Potenzial des Mediums Film im DaF-Unterricht sind und bleiben unumstritten. Eine Orientierung für den Einsatz von Filmen im DaF-Unterricht in Form eines Filmkanons finden DaF-Lehrende jedoch bis dato nicht. Das Forschungsvorhaben bestand darin, zur Förderung der Filmbildung im DaF-Bereich beizutragen und einen Filmkanon für den DaF-Unterricht zu entwickeln. Dabei wurden Erfahrungen der Bundeszentrale für politische Bildung (2003) bei der Erstellung des Filmkanons für die Schule in Deutschland berücksichtigt. Unter dem DaF-Filmkanon ist ein Korpus von max. 15 Spielfilmen zu verstehen, die sich besonders gut für den Einsatz im schulischen DaF-Unterricht der Sekundarstufe (GER-Niveau B1-C1) im Auslandsschulwesen eignen.

Das Projekt wurde in Form einer Online-Delphi-Studie mit vier Befragungsrunden realisiert. An der Befragung nahmen 30 Experten und Expertinnen aus dem DaF- und/oder Filmbereich aus zwölf Ländern teil. Die Auswahl von Spielfilmen durch die Experten und Expertinnen fand aufgrund von Kriterien statt, die sich auf die didaktischen Zielsetzungen des DaF-Unterrichts stützten.

Im Vortrag werden die Zwischenergebnisse der ersten drei Befragungsrunden sowie die Projektergebnisse aus der vierten Befragungsrunde dargestellt: 1) Erarbeitung der Kriterienvorschläge für den Kriterienkatalog, 2) Festlegung des Kriterienkatalogs, 3) Auswahl der Spielfilme anhand des Kriterienkatalogs, 4) Festlegung des DaF-Filmkanons.

Mario Hamann (Pädagogische Hochschule Freiburg)
Paraphrasierende und kontrapunktische Wechselwirkungen zwischen Film und Musik
Allzu oft konfrontiert ein Kinobesuch den Rezipienten sowohl auf inhaltlicher, aber auch auf musikalischer Ebene mit gängigen Genreklischees und -erwartungen. Wer kennt schließlich nicht schwelgerische Violinenklänge als musikalische Metapher der überschäumenden Gefühlswelt eines frisch verliebten Paares beim ersten Kuss, wer erinnert sich nicht an den Klang schmetternder Blechbläsersätze als Sinnbild für den ungebrochenen Heroismus in epischen Massenkämpfen?

Gleichzeitig wiederum gibt es berühmte Beispiele, in denen die Konventionen bewusst durchbrochen werden, um eine ganz eigentümliche Stimmung zu schaffen, wodurch Filmszenen mitunter besonders erinnerungswürdig werden: Da wird die Bewegung eines Raumschiffs durch den Weltraum mit Strauss’ Donauwalzer auf einmal gerade tänzerisch und menschlich gezeichnet und eine ohnehin bizarre Folterszene wirkt spätestens durch die Untermalung mit Stuck in the middle (with you) von Steeler’s Wheel völlig grotesk.

In diesem Workshop werden zunächst die vielfältigen Wechselwirkungsmöglichkeiten von Film und Musik und damit einhergehende Szeneninterpretationen exemplarisch gezeigt. In einer anschließenden Demonstration werden Grundlagen vermittelt, um mithilfe gängiger Filmschnittsoftware die Tonspur vorhandener Filme mit ausgewählter Musik zu ersetzen. Diese Techniken werden daraufhin von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern individuell durch kreative Kombinierung von bereitgestelltem Film- und Musikmaterial angewandt. Die daraus resultierenden neuen Szeneninterpretationen werden abschließend in der Gruppe präsentiert und diskutiert. Ausgehend von aktuellen Forschungsergebnissen wird der Workshop ergänzt um Anregungen für den Einsatz der dargestellten Prinzipien in der Schule, um beispielsweise neue Zugänge zur klassischen Musik, aber auch zur Filmmusik zu erhalten.

Jens Heiderich (Frauenlob Gymnasium Mainz)
Filmische Verhandlungen des Ökonomischen im Deutschunterricht. Ziele, Herausforderungen, Beispiele
Literarische Ökonomik hat Konjunktur. Geld und Spekulation im Film sind so alt wie das Kino selbst. Fachdidaktik und Filmwissenschaft reagierten lange Zeit zögerlich, mittlerweile aber deutlich erkennbar auf diese Feststellungen. Ausgehend von einer fachwissenschaftlichen Bestandsaufnahme möchte der Beitrag die Bedeutung der Thematik für den Deutschunterricht erhellen und an Beispielen illustrieren. Fragen, die im Mittelpunt stehen, sind: Mithilfe welcher – vornehmlich filmsprachlicher – Mittel werden wirtschaftliche und damit einhergehend häufig abstrakte Prozesse in andere Ausdrucksformen übersetzt? Welche Funktionen kommen Bildräume und Bildikonen, welche intertextuellen und intermedialen Strukturen zu? Wie können sie im Unterricht als Bestandteil einer Visual Literacy vermittelt werden? Neben „In Time – deine Zeit läuft ab“ (2011), „The Bank – skrupellos und machtbesessen“ (2011) sowie „Pi – System im Chaos“ (1998) wird unter Fokussierung der Arbeitsthematik „Vineta“ (2006) Berücksichtigung finden. Dabei geht es nicht darum einer Ökonomisierung des Deutschunterrichts das Wort zu reden, wohl aber um eine Schulung der Filmlesefähigkeit unter besonderer Beachtung eines den Filmen häufig inhärenten kritischen Potentials.

Ksenia Kyzminykh (Universität Paderborn)
Dokumentarfilme im Deutschunterricht. Ein Unterrichtsmodell für die Sekundarstufe II zum Film von Carsten Rau und Hauke Wendler Willkommen auf Deutsch
Es soll im Beitrag die Möglichkeit der Einbeziehung von Dokumentarfilmen im Deutschunterricht veranschaulicht werden. Dies erfolgt anhand des Filmes „Willkommen auf Deutsch“ von Carsten Rau und Hauke Wendler (2014). Die Regisseure gewähren Einblicke in die Sorgen und Ängste von 53 Asylsuchenden, die in einer norddeutschen Gemeinde hätten untergebracht werden sollen. Der Zuschauer erfährt, was es heißt einerseits nicht willkommen zu sein, und andererseits nirgendwo auf der Welt einen Ort zu haben, den man als Zuhause bezeichnen kann.

Die dem Unterrichtsmodell zu Grunde liegenden Intentionen lassen sich in drei miteinander korrespondierende Bereiche aufteilen:

1. Die Analyse filmästhetischer und filmsprachlicher Mittel und dadurch Förderung des medienkompetenten Umgangs mit Dokumentarfilmen.

2. Förderung sprachreflexiver Kompetenz – language awarness -, die vorwiegend durch die kritische Reflexion von Figurenäußerungen erzielt werden kann. Im Vordergrund der unterrichtlichen Betrachtung stehen einerseits der epistemische Sprachgebrauch, andererseits direkte diskriminierende Aussagen und sprachliche Durchsetzung der Forderungen sowie die Anwendung der Regel der konzeptionellen Mündlichkeit und der konzeptionellen und der medialen Schriftlichkeit und Verstöße gegen diese.

3. Sensibilisierung der Schülerinnen und Schüler für die im Film angesprochene Situation der Asylsuchenden, für die Gründe, Heimat zu verlassen und in der Ungewissheit und Angst zu leben – die spezifische Wirklichkeitsreferenz, die den Dokumentationen immanent ist. Besonders dieser Aspekt soll dem interkulturellen Lernen beitragen und Empathie fördern.

Die Arbeit mit diesen thematischen Schwerpunkten kann anhand von ausgearbeiteten und im Unterricht der Sekundarstufe II erprobten Materialien demonstriert werden.

Björn Maurer, Katja Holdorf und Dr. Mirona Stanescu (Pädagogische Hochschule Zürich)
«Filmen fördert Sprache - Ein interkultureller Ansatz zur Förderung der
mündlichen DaZ-Kommunikation im Rahmen aktiver Filmarbeit»

Der Ansatz «Filmen fördert Sprache» verbindet zentrale Anliegen der Sprachförderung im Bereich DaZ-/DaF mit filmdidaktischen und theaterpädagogischen Konzepten. Insbesondere für die mündliche Sprachproduktion bieten filmische Schaffensprozesse zahlreiche attraktive und situative Kommunikationsanlässe. Lehramtsstudierende (DaZ/DaF) und Studierende der ausserschulischen kulturellen Bildung mit dem Schwerpunkt Film entwickeln gemeinsam ein Programm für ein interkulturelles Jugendvideocamp mit Teilnehmenden aus Rumänien, Serbien, Kroatien und Ungarn. Neben der Produktion von Kurz-Spielfilmen ist es ein zentrales Ziel des Camps, die mündliche Sprachperformanz der Jugendlichen in der gemeinsamen Fremd- bzw. Zweitsprache Deutsch weiterzuentwickeln. Ein interkulturell zusammengesetztes Dozierenden-Team aus Rumänien, der Schweiz und Deutschland betreut die Studierenden bei der Planung und der Durchführung des 2wöchigen Camps, das seit 2011 jedes Jahr im transsilvanischen Seligstadt stattfindet. Als Vertreter_innen zweier unterschiedlicher pädagogischer Handlungsfelder - Schule und ausserschulische kulturelle Bildung - tauschen die Studierenden im peer-to-peer Verfahren ihre spezifische Fachexpertise untereinander aus. Sie lernen explorative, selbstentdeckende und auf mobiler Technologie basierende Vermittlungsformen der Filmbildung kennen und entwickeln auf dieser Grundlage didaktische Szenarios, die den unterschiedlichen sprachlichen Vorerfahrungen der Jugendlichen gerecht werden. Anhand gemeinsam entwickelter Kriterien analysieren die Studierenden die sprachlichen Aktivitäten der Teilnehmenden sowie das kommunikative Potenzial einzelner Aufgaben und Abschnitte im Prozess des Filmschaffens. Durch kontinuierliche Selbstbeobachtung und durch kollegiales Feedback während des Camps reflektieren sie ihr pädagogisches Handeln und optimieren - im Sinne der Handlungs- und Aktionsforschung - ihre eigene Praxis.

Ines Müller-Hansen (Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft)
Filmbildungsstandards und Qualifizierungskonzepte für die Lehrerbildung
In der Schule dominiert ein am Buch orientiertes Lernen mit der Folge, dass eine multimediale Bildung abgeblockt wird. Das Buch wird, trotz einer zunehmenden Bilddominanz, über die Weltwissen verbreitet wird, als das zentrale Lernmedium gesehen. Damit verhindert Schule als institutionalisierter Lernort, die Vermittlung jener Schlüsselkompetenzen, die zur Aneignung einer multimedialen Kultur befähigen.
Dem wird oft, z. B. von Hurrelmann, entgegen gehalten, dass mit dem Erwerb der Lesekompetenz, die Basis gelegt würde, um sich reflexiv mit allen Medien auseinander setzen zu können. Sicherlich sind Kinder und Jugendliche mit dieser Kompetenz oft in der Lage, „literale Medieninhalte sinnvoll zu erschließen“ (Böhm 2005). Was sich damit jedoch nicht erschließen lässt, sind die jeweils medienspezifischen Gestaltungsmittel und Vermittlungsparameter. Wer diese aber nicht versteht und decodieren kann, dem bleibt das Bildungspotential von Medien verschlossen, und es sind vor allem die Bildmedien in ihrem vernetzten Kontext, die hierbei eine wesentliche Rolle spielen.
Dass Schule sich nach wie vor als „literaler Gegenentwurf zur Medienkultur“ (ebda.) aufrecht erhalten lässt, liegt u.a. an der medienkritischen Debatte der 1960er und 70er Jahre, die die Medien/Massenmedien in Bezug auf die Gefahr der Manipulation der Menschen thematisierte. Diese ideologiekritische  Argumentation spielt zwar heute kaum noch ein Rolle, ist aber als Gedankenkonstrukt gerade auch bei Pädagogen nach wie vor vorhanden und schlägt sich im Habitus vieler Lehrer wieder. Bildmedien dienen allenfalls der Unterstützung literaler Lernformen, ein eigener Bildungswert wird ihnen abgesprochen.
In dem Vortrag wird es vor allem um die Ausbildung der Lehrer gehen. Die zentrale Frage ist, wie und mit welchen Inhalten lässt sich der Habitus der Lehrer in Bezug auf Medien- respektive Filmbildung verändern.
Ausgangspunkt kann ein schulinternes interdisziplinäres Filmcurriculum sein, in dem Kompetenzen und Inhalte beschrieben werden, die vor dem Hintergrund eines integrativen Ansatzes in der Schule vermittelt werden können. Für die Umsetzung dieser Vermittlungsaufgabe bedarf es ausgebildeter Lehrer, die über entsprechende Kompetenzen verfügen. Es werden Filmbildungsstandards vorgestellt, die die Anforderungen an das Handeln von Lehrenden beschreiben und Qualifizierungskonzepte für alle Phasen der Lehrerbildung erörtern, die diese Standards vermitteln.

Beate Rabe (Filmmuseum Potsdam)
3 x „Frau Holle“ – Märchenfilme vergleichen und entdecken, wie ein Film funktioniert
Das Thema „Märchen“ ist aus dem Grundschulunterricht kaum wegzudenken. Neben den literarischen Vorlagen könnten auch Märchenfilme eine Rolle spielen: doch welche? Von vielen Märchenklassikern gibt es mehrere Filmversionen. Jede filmische Verarbeitung erzählt mehr und anderes, als der Ursprungstext vorgibt und eignet sich daher nur bedingt zur bloßen Illustration des Gelesenen. Der Vergleich von unterschiedlichen filmischen Interpretationen eines Märchentextes lenkt den Blick auf filmkünstlerische Entscheidungen und auf Intentionen der Macher. Schüler lernen dabei, wie Filme „gelesen“ werden können.

3 x „Frau Holle“: BRD 1954, R: Fritz Genschwo / DDR 1963, R: Gottfried Kolditz / BRD 2008, R: Bodo Fürneisen

Jeder dieser Filme rückt wie der Grimmsche Ursprungstext mit seiner Darstellung eines faulen und eines fleißigen Mädchens die Erledigung der Hausarbeit in den Mittelpunkt. Und Frau Holle ist in allen drei Fassungen eine nette ältere Dame. Doch neben einer jeweils deutlich anderen Filmästhetik werden auch inhaltlich eigene Akzente gesetzt: der pädagogische Zeigefinger weist immer in eine etwas andere Richtung…

Manfred Rüsel
Filme lesen lernen. Online-Fortbildung für Lehrkräfte im Rahmen der Schulkinowoche Schleswig-Holstein
Das Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen in Schleswig-Holstein hat anlässlich der Schulkinowoche 2015 Online-Fortbildungsmodule angeboten. Der Referent Manfred Rüsel aus Aachen berichtet über seine Erfahrungen mit diesem sogenannten „Webinar“, das für ihn auch ein „undiscovered country“ war – frei nach dem Shakespeare zitierenden Klingonengeneral Chang in „Star Trek VI“.

Workshop: Das ist mir beim ersten Mal gar nicht aufgefallen. Filme lesen lernen 
Am Beispiel filmischer Expositionen aus klassischen und zeitgenössischen Literaturverfilmungen werden die Teilnehmenden mit den Strategien filmischen Erzählens vertraut gemacht. Dabei soll der Blick geöffnet werden für die visuelle und akustische Gestaltungsvielfalt des Mediums, damit der beliebte Vergleich zwischen literarischem Text und filmischer Adaption zielführend angewendet werden kann.
Der Workshop richtet sich an Lehrerinnen und Lehrer der Sekundarstufen I und II (sprachliche und künstlerische Fächer). Filmanalytische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.
Ein Reader mit Informationsmaterial und Arbeitsblättern wird zur Verfügung gestellt. 

Elena Schäfer (Goethe Universität Frankfurt)
Schulbuch auf, Film ab!
Ob DaZ, Französisch, Spanisch oder Englisch – Lernvideos erobern das fremdsprachliche Klassenzimmer. Beobachtet man die mediendidaktischen Entwicklungen, haben nicht zuletzt die Forderungen nach fremdsprachlicher Kompetenzorientierung und die damit verbundene Aufwertung des Hör-Seh-Verstehens zu einer grundlegenden Neuausrichtung fremdsprachlichen Lehrmaterials beigetragen. Das Ergebnis ist eine neue Generation von Lehrwerken, die den Einsatz von Lernvideos in einer nie dagewesenen Weise in das Lehrwerk integriert und für die Ziele und Inhalte des Fremdsprachenunterrichts nutzbar macht.

Durch diese Akzentuierung werden neue Wege in der schulischen Filmbildung eingeschlagen: Lernvideos sollen Schüler und Lehrer von Anfang an in ihren Lern- und Lehrprozessen begleiten. Die filmischen Inhalte dienen dabei nicht allein der filmästhetischen Erziehung, sondern vor allem dem übergeordneten Ziel der fremdsprachlichen Diskursfähigkeit im Sinne eines kommunikativen, transkulturellen und mediendidaktischen Kompetenzerwerbs.

Vor diesem Hintergrund soll anhand ausgewählter Beispiele des Französischen und Spanischen aufgezeigt werden, inwiefern aktuelle Lehrwerksreihen der Sekundarstufe Lerner, aber vor allem auch Lehrkräfte bei der schulischen Arbeit mit Filmen unterstützen bzw. entlasten können. Neben dem didaktischen Potential soll ebenso auf konzeptionelle Unterschiede eingegangen werden, die die Materialien beider Fremdsprachen kennzeichnen.

Susanne Scharnowski (Freie Universität Berlin)
Erinnern an die DDR im Film
Es ist mittlerweile unumstritten, dass zeitgeschichtliche Themen sowie das Feld der Erinnerungskultur relevante Bestandteile des ehemals als ‚Landeskunde‘ bezeichneten kulturellen Lernens darstellen. Besonders die Beschäftigung mit der Erinnerung an die DDR ist für ein Verständnis der gegenwärtigen Situation in Deutschland zentral. Spielfilme sind in diesem Kontext zunehmend wichtig und prägen in hohem Maße die Vorstellungen, die junge Deutsche und junge Deutschlernende im Ausland sich von der DDR-Wirklichkeit machen. Einige Filme haben sich als besonders wirkungsmächtig erwiesen: Die Komödien Good Bye, Lenin! und Sonnenallee sowie vor allem das Drama bzw. Melodram Das Leben der Anderen.

In meinem Beitrag möchte ich zum einen zeigen, in welcher Form der Film Das Leben der Anderen, der immerhin den Anspruch erhob, die ‚Wahrheit‘ über die DDR zu erzählen, mit Methoden der Filmanalyse dekonstruiert werden kann. Damit junge Deutschlernende besser einschätzen können, inwiefern dieser Spielfilm als vertrauenswürdige Quelle zeitgeschichtlichen Wissens über die DDR gesehen werden kann, soll herausgearbeitet werden, welche filmischen und außerfilmischen Mittel zum Einsatz kommen, um Authentizität zu erzeugen und bestimmte Wirkungen zu erzielen.

Zum anderen möchte ich am Beispiel zweier neuerer Filme (Christian Petzolds Barbara, 2012 und Burhan Qurbanis Wir sind jung, wir sind stark, 2014) diesen didaktischen Ansatz weiter ausführen, der die Spezifika des Mediums Film berücksichtigt und jungen Deutschlernenden Wissen darüber vermittelt, wie filmische Mittel gezielt eingesetzt werden, um bestimmte Bilder von der DDR zu erzeugen. Eine solchermaßen zu entwickelnde ästhetische Kritikfähigkeit stellt einen wesentlichen Bestandteil politischer Bildung dar, die z.B. dazu befähigt, Manipulation und Propaganda auch in anderen Filmen aufzuspüren.

 Christina Schindler (Regisseurin, Drehbuchautorin, Filmproduzentin)
Inspiration, Animation, Reaktion - Bekenntnisse einer Autorenfilmerin
Anhand von Filmbeispielen erläutert Prof. Christina Schindler - Filmregisseurin, Drehbuchautorin, Filmproduzentin und Leiterin des Studiengangs Animation an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf in Potsdam -, wie sie den Stoff für ihre frei erfundenen, fabelhaften Zeichentrickfilme entwickelt, in welchen künstlerischen Techniken sie diese realisiert und welche Erfahrungen sie damit bei Vorführungen und Workshops hat, gerade auch mit ihrer Hauptzielgruppe, den Kindern.

Isabella Seeger (Universität Bielefeld)
´Super-diversity´: Multilinguale Filme im Fremdsprachenunterricht der Sekundarstufe I zur Reflexion der Lebenswelten der Schüler im Sinne der „four domains“ des GER
Der sogenannte `super-diversity´- der ständig wachsenden und über den europäischen Einzugsbereich längst weit hinausgehenden Vielfalt der Sprachen und Kulturen an Schulen – allein mit den Standard-Lehrwerksthemen gerecht zu werden, wird zu einer Herausforderung. Um sich dennoch den Lebenswelten der Schüler im Sinne der „four domains“ des gemeinsamen Europäischen Sprachreferenzrahmens (GER) anzunähern und gleichzeitig plurilinguales Lernen zu unterstützen, bietet es sich an, ein- oder auch mehrsprachige Filme mit entsprechenden Themen trotz (oder wegen?) ihrer sprachlichen Komplexität bereits an der Sekundarstufe I (Kl. 5-10) zu nutzen. Direktes rezeptives Sprachverständnis tritt dabei in den Hintergrund; stattdessen kann das Gesamterlebnis der Filmrezeption unter Betonung affektiver und soziokultureller Aspekte dazu genutzt werden, die Schüler filmbezogene Themenkomplexe semi-autonom oder autonom erforschen zu lassen und Sprachproduktionen auf Lernniveau anzuregen. Die Behandlung auch heikler Themen über „neutrale Instanzen“ (Film, Internet) kann gegenseitiges Verständnis trainieren, ethnische Konflikte im Klassenraum entschärfen und Kohäsion fördern. Gleichzeitig zeigt die Vielsprachigkeit der Filme allen Schülern die Vorteile des Fremdsprachenerwerbs an sich auf, ermuntert zu plurilingualer Lern- und Kommunikationsweise und kann auch Empathie für Mitschüler wecken, welche der L1 nicht mächtig sind. Als Beispiele werden drei bi- bzw. multilinguale Filme für verschiedene Lernniveaus vorgestellt. Darüber hinaus soll zur Diskussion gestellt werden, inwiefern es möglich/wünschenswert ist, derartige Filmprojekte z.B. in Modulform in den eher restriktiven Lehrplan der Sekundarstufe I einzubauen.

Andrea Sieber (RWTH Aachen)
Bingo im Kopf. Überlegungen zu Filmdidaktik und intermedialer Rezeption am Beispiel von Andreas Steinhöfels „Rico, Oskar und die Tieferschatten“
Der Protagonist aus Andreas Steinhöfels preisgekröntem Roman „Rico, Oskar und die Tieferschatten“, der 2014 als Verfilmung erschienen ist, beschreibt sich selbst als tiefbegabt: „In meinem Kopf geht es manchmal so durcheinander wie in einer Bingotrommel.“

Wenn Schülerinnen und Schüler bzw. auch Lehramtsstudierende ihre Erwartungen an die Romanverfilmung formulieren, wird Ricos ‚Bingo im Kopf‘ meist als ein Aspekt benannt, der filmästhetisch nicht oder nur schwer zu realisieren sei. Auch für die Tieferschatten, vor denen sich Rico nachts fürchtet, oder für seine Wörterkartei, in der er sich selbst auf sehr kreative Weise Begriffe erklärt, die er nicht kennt, wird meist bezweifelt, dass sie im Film angemessen zur Geltung kommen. An dieser Skepsis gegenüber der filmästhetischen Medialisierung einer literarischen Vorlage setzt der Vortrag an. Anhand ausgewählter Filmszenen wird ein Spektrum konkreter Filmvermittlungsmöglichkeiten im Literaturunterricht der Sekundarstufe I inkl. unterrichtspraktischer Vorschläge entfaltet. Diese zielen einerseits auf die Erarbeitung der medialen Differenzen zwischen Film und Buch, sollen andererseits aber auch durch Verfahren einer intermedialen Rezeption Übergänge zwischen film- und literar-ästhetischem Lernen schaffen. Abgerundet wird der Vortrag durch konzeptuelle Überlegungen zur filmintegrativen Literaturdidaktik, die sich auf Fragen der Alterität, der medialen Differenz, der intermedialen Kohärenzbildung und die Möglichkeiten einer ästhetisch fundierten Medienkritik beziehen.

 

Carola Surkamp (Universität Göttingen)
Perspektiven einer sprachenübergreifenden Filmbildung
Filme sind mittlerweile in vielen Bundesländern für die Fächer Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch in den Kerncurricula verankert. Zahlreiche didaktische Publikationen der letzten Jahre haben diese Entwicklung stützend mit vorangetrieben. Aus der Literatur wird jedoch deutlich, dass sich bisherige Konzeptionen in der Mehrheit ausschließlich auf die einzelnen Sprachfächer beziehen. Fachübergreifend wird bislang im Hinblick auf den erst- bzw. zweit- und den fremdsprachlichen Filmunterricht eher selten gedacht. Das Hauptproblem, das sich dadurch ergibt, ist genereller Art: Nicht nur sprachliche, sondern auch ästhetische und kulturelle Lernprozesse laufen zu oft abgekoppelt voneinander ab. Daher ist es notwendig, über Möglichkeiten der Entwicklung einer sprachenübergreifenden Filmbildung nachzudenken. Damit ist eine Filmbildung gemeint, die mit Klasse 1 im Deutschunterricht beginnt, normalerweise in Englisch mit Klasse 3 einsetzt (und gleichzeitig in Deutsch fortgeführt wird) und mit Klasse 6 und 7 bzw. 8 und 9 in mindestens einer weiteren Sprache ihre Fortsetzung findet. Für die Konzeptualisierung einer solchen fächerübergreifenden Filmbildung müssen allerdings noch ganz grundlegend Antworten auf die folgenden Fragen gefunden werden: Was bedeutet Filmbildung insbesondere für die sprachlich orientierten Fächer, d.h. welche Kompetenzfelder stehen hier im Vordergrund? Welche Teilkompetenzen werden bei der Arbeit mit audiovisuellen Texten fachspezifisch im Deutsch-, Englisch-, Französisch- und Spanischunterricht entwickelt? Und wie kann die Entwicklung der Filmbildung in den sprachlichen Fächern integrativ erfolgen, d.h. wie könnte ein sprachenübergreifendes Filmcurriculum aussehen? Im Vortrag werden erste Ansätze zur Beantwortung dieser Fragen aus einem interdisziplinären Forschungsprojekt der Universitäten Göttingen (Surkamp, Englischdidaktik), Hannover (Blell, Englischdidaktik) und Bremen (Kepser, Deutschdidaktik / Grünewald, Didaktik der Romanischen Sprachen) vorgestellt.

 David Turgay (Europa Gymnasium Wörth)
Das Menschenbild in Filmen über die Zukunft: Ein Unterrichtsmodell
Filme über die Zukunft erfreuen sich seit den Anfängen des Films großer Beliebtheit. Solche Filme gelten oft als visionär, obwohl sie meist eine Zukunft zeigen, die wenig Hoffnung bietet (z.B. Metropolis, 2001, Blade Runner, The Matrix). Gerade sehr erfolgreiche Filme wie The Hunger Games oder The Purge zeigen wie groß die Faszination einer Zukunft ist, in der Gier und Machtmissbrauch an der Tagesordnung sind und nur Individuen mit besonderer Willensstärke oder Talenten Veränderung bewirken können. Die Tatsache, dass es sich bei solchen Filmen meist um Dystopien handelt, ist ein Umstand, der für Schüler selbstverständlich ist, ohne dass sie sich dessen unbedingt bewusst sind. Genau jene Bewusstmachung kann jedoch interessante Fragen aufwerfen, die Unterrichtsgegenstand sein und von Schülern diskutiert werden können. Dazu zählt die Frage nach dem Selbstbild der Menschheit und welche Folgen dieses, häufig negative, Bild hat, aber auch wieso solche Darstellungen so populär sind. In meinem Vortrag möchte ich ein Unterrichtsmodell vorstellen, das solche Fragestellungen ermöglicht und für die Schüler anschaulich macht. Anhand mehrerer Beispiele sollen die Schüler zunächst die dargestellten Zukunftswelten beschreiben und Gemeinsamkeiten feststellen. Dies soll sowohl mit Filmausschnitten als auch mit Filmstills erfolgen. In einem weiteren Schritt analysieren die Schüler das Menschenbild dieser Filme genauer und erkennen, dass dieses, wie auch schon die gezeigte Welt, größtenteils negative Züge hat. In einem letzten Schritt vergleichen und reflektieren die Schüler über ihr eigenes Menschenbild.

Holger Twele (freier Filmpublizist)
Plädoyer für eine offene und reflexive Filmarbeit
Es gibt sie leider immer noch: Lehrerinnen und Lehrer, die in ihrer Ausbildung auf die konstruktive Auseinandersetzung mit dem Film und anderen visuellen Medien nicht vorbereitet wurden und sich von den neuen curricularen Anforderungen überrollt sehen. Die glauben, als Autoritätsperson der heutigen Jugend „das mit den Medien“ erst genau erklären zu müssen. Denen suggeriert wurde, allein durch die Kenntnis filmsprachlicher Grundbegriffe wüssten sie über den Film und den Einsatz von Filmen im Rahmen des Unterrichts bereits hinlänglich Bescheid. Die sich einfache Kochrezepte und minutiös ausgetüftelte Handlungsanweisungen darüber erhoffen, welcher Zeitaufwand das Kopieren von Arbeitsblättern erfordert, wie ein bestimmter Film im Unterricht einzusetzen ist und welche Ergebnisse, fein säuberlich nach Altersstufen aufgelistet, dabei exakt herauskommen müssen. Manchmal scheitern sie dann bereits daran, dass das Whiteboard oder der Beamer ein unerwartetes Eigenleben entwickeln.

Aus den positiven wie negativen Erfahrungen bei Hunderten von Kinoseminaren, über 130 redaktionell betreuten Filmheften, Dutzenden von selbst verfassten Filmheften und Artikeln sowie zahlreichen Lehrerfortbildungen möchte der Referent anhand kurzer Filmausschnitte und Praxisbeispiele Anregungen dafür geben, wie die Arbeit mit Filmen im Rahmen des Unterrichts in allen Klassenstufen beschaffen sein könnte, damit aus den Schülern nach Möglichkeit selbstständig denkende und moralisch handelnde Persönlichkeiten werden. Filmkultur als solche muss erhalten bleiben, statt sie restlos zu pädagogisieren und langfristig dem Untergang zu weihen. Ganz neu sind solche Anregungen sicher nicht, einige finden sich beispielsweise auch bei Alain Bergala oder neuerdings Prof. Dr. Sebastian Schädler von der Evangelischen Hochschule Berlin. Wissenschaftliche und behördliche Legitimationszwänge, aber auch reine Bequemlichkeit tragen dazu bei, dass solche Ansätze gerne „vergessen“ werden. Dieser Beitrag möchte daher ein Stück Erinnerungsarbeit leisten, vor allem aber ein Plädoyer für eine reflexive Filmarbeit abgeben, die dem Gewohnten neue Perspektiven abverlangt.

Markus Vorauer & Paul Weixelbaumer (Pädagogische Hochschule Oberösterreich)
Nicht-Sichtbarkeit im Film. Über die didaktischen Potentiale des hors-champ
Das Bildfeld wird generell auf Basis einer doppelten räumlichen Beziehung definiert: dem sichtbaren Bereich (champ) und dem nicht sichtbaren Teil, der sich außerhalb des Bildfeldes befindet (hors champ). Diese beiden Bereiche stehen in dialektischem Bezug zueinander.

Ausgehend von Noel Burchs Modifikation der sechs Bereiche des hors-champs soll im Vortrag die Bedeutung der Erscheinungsformen der Abwesenheit für die Rezeption von Filmen erläutert werden und welche Möglichkeiten die Theorie des hors-champs der Filmdidaktik eröffnet.

Schüler/-innen sollen durch den Fokus auf diesen nicht sichtbaren, aber insistierenden Bereich in ihrer Wahrnehmung geschult werden: Nicht immer ist nur das, was sichtbar ist, von Bedeutung, ein Denken über die Bilder hinaus wird anvisiert. Die Abwesenheit im Film bildet demnach einen „(…) hervorragenden Repräsentationsmodus, der den Zuschauer herausfordert, seine subjektive Wahrnehmung in der filmischen Erfahrung zu sensibilisieren.“ (Kayo Adachi-Rabe, Abwesenheit im Film, 2005). Das hors-champ evoziert konkrete Fragen („Was passiert weiter?“, „Was erblickt die Figur?...) und ist damit für eine moderne Filmdidaktik besonders geeignet.

Wir versuchen in unserem Vortrag, die Theorie des hors-champ mit einer praktischen Umsetzung für die Sekundarstufe, aber auch Hochschule, zu verbinden. Wir gehen dabei bewusst von zwei ungewöhnlichen, abseits des Mainstreams produzierten Filmen aus (Prologue, UNG 2004, Belá Tarr und Evasi, IT 1964, Franco Piavoli), um zu beweisen, dass man durchaus auch mit diesem Typus von Film im Unterricht arbeiten kann.

Carolin Wiese (Universität Bielefeld)
Das künstlerische Projekt in der universitären Filmbildung
An der Universität Bielefeld sind die Fachbereiche Kunst- und Musikpädagogik vielfältig miteinander verknüpft. Obwohl sich die Studierenden zu Beginn ihres Bachelorstudiums für eine Profilierung im Fach Kunst oder Musik entscheiden, arbeiten sie in verschiedenen praktischen und theoretischen Seminaren interdisziplinär zusammen. Als besonders fruchtbar hat sich hierbei die didaktisch-künstlerische Auseinandersetzung mit dem Medium Film heraus-gestellt. So fließen hier verschiedene Teilbereiche und Stilmittel sowohl aus der Kunst, als auch aus der Musik in einen neuen ästhetischen Kontext ein.

In der Präsentation sollen zwei abgeschlossene Seminare vorgestellt werden, die sich dem Medium Film produktionsorientiert angenähert haben. Als didaktisches Konzept orientierten sich die Seminare an der Praxisform des künstlerischen Projekts bzw. an Ansätzen des Projektunterrichts. Im Rahmen des Seminars „Bielefeld: Kammermusik einer ostwestfälischen Metropole“ visualisierten Studierende einen typischen Tagesablauf in Bielefeld als nonverbalen Dokumentarfilm, der vom nächtlichen Zeitungsdruck bis zum abendlichen Partyleben reichte. Hierbei spielte insbesondere im Filmschnitt die gegenseitige Beeinflussung von Bild und Ton eine wichtige Rolle. Im Seminar „Visualisierungsformen im Musikvideo“ komponierten und produzierten Studierende einen eigenen Song, den sie mittels Animations- und Realsequenzen filmisch umsetzten. Neben der eigenen künstlerischen Produktion setzten sich die Studierenden rezeptiv und reflexiv mit Teilaspekten des Mediums Film auseinander. Darüber hinaus war studiengangsbedingt stets auch eine mögliche didaktische Übertragung für den Einsatz in schulischen Kontexten von Bedeutung.

Am Beispiel der beiden Seminare sollen Vor- und Nachteile der Praxisform des künstlerischen Projekts in der schulischen und universitären Filmbildung aufgezeigt und diskutiert werden.