It´s a man´s world?! Politische Teilhabe von Frauen in der Kommunalpolitik


Datum:
21.10.2020

Ort: Pädagogische Hochschule Freiburg

Raum: Aula

Beginn: 19 Uhr

verantwortlich: Solveig Roscher (Katholische Hochschule Freiburg)

 

 

Bitte nur mit vorheriger Anmeldung unter gleichstellung(atnospam)ph-freiburg.de

 


100 Jahre nach der Durchsetzung des Wahlrechts für Frauen sind weibliche Mitglieder in kommunalen Parlamenten immer noch eine Ausnahme: Nur 25 Prozent der Mandate in deutschen Gemeinde- und Stadträten sind von Frauen besetzt. Der aktuelle Gemeinderat Freiburgs geht hier mit 43 Prozent Frauenanteil als gutes Vorbild in Richtung paritätischer Verteilung voran. Deshalb möchten wir im Gespräch mit Gemeinderätinnen Freiburgs das Thema Gleichstellung näher in den Blick nehmen. Welche Rolle spielt das Geschlecht für die Ausübung des politischen Engagements in der Stadt? Welche best-practice-Konzepte können helfen, mögliche Hürden zu überwinden?

An der Diskussion nehmen teil:

Vanessa Carboni, Bündnis 90/Die Grünen
Annabelle von Kalckreuth, Bündnis 90/Die Grünen
Nadyne Saint-Cast, Bündnis 90/Die Grünen
Dr. Carolin Jenkner, CDU
Claudia Feierling, Fraktion Freie Demokraten / Bürger für Freiburg
Lina Wiemer-Cialowicz, Grüne Alternative Freiburg
Sophie Kessl, Die Partei
Julia Söhne, SPD
Irene Vogel, Unabhängige Frauen Freiburg
Maria del Mar Mena, Urbanes Freiburg

Moderation: N. N.

Vanessa Carboni (Bündnis 90/ Die Grünen)

Stadträtin seit 2019

Was ist die zentrale These, die Sie am Diskussionsabend vertreten werden?
Zeit für #diehälftedermacht! Eine verbindliche Frauenquote bringt nicht nur mehr weibliche Mitbestimmung, sondern bringt die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten der Frauen mit in Politik und Wirtschaft hinein! Auch die Wissenschaft gibt mir recht: Gemischte Führungsteams sind kreativer und effizienter, und der Kommunikationsstil verändert sich - von der Quote profitieren also alle!

Annabelle von Kalckreuth (Bündnis 90/ Die Grünen)

Stadträtin seit 2019

Welches Ereignis illustriert für Sie, wie wichtig Frauen in der Kommunalpolitik sind?
Die Tatsache, dass Parlamente in Deutschland im Schnitt nur zu knapp einem 1/3 von Frauen besetzt sind. Gerade einmal 8% aller Bürgermeister*innen sind weiblich. Politik für alle wird also vornehmlich von Männern gemacht. Genau da, wo die Politik besonders nah an den Menschen ist, möchte ich dem etwas entgegensetzen und auch andere Frauen in der Familienzeit dazu motivieren, sich zu engagieren.
Was ist die zentrale These, die Sie am Diskussionsabend vertreten werden?
Wenn wir wollen, dass mehr Frauen Politik machen, müssen Rahmenbedingungen angepasst werden.

 

Nadyne Saint-Cast (Bündnis 90/ Die Grünen)

Stadträtin seit 2014

Welches Ereignis illustriert für Sie, wie wichtig Frauen in der Kommunalpolitik sind?
Es braucht oftmals Frauen, damit sich die Rahmenbedingungen für eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern. Dies kann ich aus persönlicher Erfahrung bestätigen. Als ich 2014 in den Gemeinderat einzog, wurde mein zweiter Sohn geboren. Dies haben wir als Grüne Fraktion zum Anlass genommen, um die Kinderbetreuung während der Gemeinderatssitzungen finanziell zu unterstützen. Ein wichtiger Punkt, damit dieses Ehrenamt auch mit kleinen Kindern ausgeübt werden kann. Damals war ich noch die einzige Mutter mit kleinen Kindern im Gemeinderat. Zwischenzeitlich sind wir allein in der Grünen Fraktion drei Mütter, ein Vater und 10 kleine Kinder. Das Thema Vereinbarkeit von Politik und Familie ist also selbstverständlich geworden.

Das zeigt: Es braucht auch Frauen in der Politik!

Dr. Carolin Jenkner (CDU)

Stadträtin seit 2014

Welches Ereignis illustriert für Sie, wie wichtig Frauen in der Kommunalpolitik sind? 

Sowohl bei der Kommunalwahl 2014 als auch 2019 wurde ich als einzige Frau in eine Fraktion mit weiter ausschließlich Männern über 50 gewählt. Und das, obwohl die Kommunalwahlliste der CDU einen deutlich höheren Anteil an auch jungen Frauen und jüngeren Männern hatte, 2014 sogar paritätisch besetzt war

Was ist die zentrale These, die Sie am Diskussionsabend vertreten werden? 

Es braucht Vorbilder in der Politik, die zeigen, dass man solche Ämter und Mandate als Frau auch mit Familie und kleinen Kindern übernehmen kann. Und Wähler, die erkennen, dass heterogene Teams bestens geeignet sind, um gute Entscheidungen für unsere Stadt zu treffen.

Claudia Feierling (Fraktion „Freie Demokraten / Bürger für Freiburg“)

Stadträtin seit 2019

Welches Ereignis illustriert für Sie, wie wichtig Frauen in der Kommunalpolitik sind?
Viele persönliche Erfahrungen haben mich motiviert für die gleichberechtigte Vertretung der Frauen in der Kommunalpolitik einzustehen. Seit meiner Studienzeit habe ich viele Begegnungen mit Frauen aller Kulturen und Bildungsschichten erlebt und immer wieder dieselben Eindrücke gewonnen: Frauen sind i.d.R. sehr motiviert, engagiert und zeigen hervorragende Leistungen auf allen Feldern. Probleme mit der Repräsentanz in Politik und Beruf treten auf, wenn Kinder da sind. Zwar haben auch Väter die Chance Elternzeit zu nehmen, aber es gibt nur sehr wenige, die davon Gebrauch machen. Alle familiären Aufgaben im Hintergrund werden von Frauen geleistet. Das ist zwar auch erfüllend, aber nicht förderlich für die Wahrnehmung in der Politik. In der Kommunalpolitik werden Entscheidungen für jeden Bürger und jede Bürgerin hautnah getroffen. Daher ist die Vertretung der Frauen besonders wichtig.

Was ist die zentrale These, die Sie am Diskussionsabend vertreten werden?
Als Frauenvertreterin des Regierungspräsidiums für den Schulbereich habe ich gelernt, dass Frauen bei der Bewerbung auf höhere Stellen angesprochen werden wollen. Männer haben ein anderes Selbstverständnis und offensichtlich Selbstbewusstsein. Während des Besetzungsverfahrens brauchen Frauen Unterstützung (mental und inhaltlich). Bewerbergespräche kann man trainieren. Als Mutter einer erwachsenen Tochter sehe ich immer noch viel zu tun in Sachen gleichberechtigte Teilhabe. Deutschland mag auf anderen Feldern die Nase vorn haben, hier nicht.

Lina Wiemer-Cialowicz (Grüne Alternative Freiburg)

Stadträtin seit 2019

Welches Ereignis illustriert für Sie, wie wichtig Frauen in der Kommunalpolitik sind?
Im Bauausschuss fällt mir immer wieder auf, dass Stadtplanung, Verkehr und Architektur stark männerdominierte Bereiche sind. Frauen hier mehr einzubinden ist aber zwingend erforderlich. Denn nur dann können geschlechtsspezifische Anforderungen beachtet werden, ohne dabei Rollenbilder zu zementieren.
Was ist die zentrale These, die Sie am Diskussionsabend vertreten werden?
Solange die Sorgearbeit nicht gerechter verteilt und besser entlohnt wird, werden Frauen in der Politik weiterhin unterrepräsentiert sein.

Sophie Kessl (Die Partei)

Stadträtin seit 2019

Welches Ereignis illustriert für Sie, wie wichtig Frauen in der Kommunalpolitik sind?
Ich bin neulich von einem der Herren ganz rechts außen als "Fräulein" bezeichnet worden. Um diesem "Männlein" zu erklären, dass so eine Formulierung nicht nur herablassend und veraltet, sondern auch durchaus chauvinistisch ist, ist es wichtig, emanzipierte Frauen* im Gemeinderat sitzen zu haben.
Was ist die zentrale These, die Sie am Diskussionsabend vertreten werden?
Geschlechtergerechtigkeit zu schaffen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe! Es geht nicht darum, dass wir nun endlich (!) bei Tampons weniger Mehrwertsteuer bezahlen, sondern darum, dass Frauen als gleichwertig anerkannt werden. Sonst muss ich doch noch irgendwann eine Männerausgangssperre beantragen #Zwinkersmiley

Julia Söhne (SPD)

Stadträtin seit 2014

Welches Ereignis illustriert für Sie, wie wichtig Frauen in der Kommunalpolitik sind?
Gerade in der Kommunalpolitik ist es wichtig, dass mehrere Sichtweisen zusammenkommen. Sie ist ein viel zu wichtiges Feld, um es einer bestimmten Berufs- oder Altersgruppe oder überwiegend einem Geschlecht, in diesem Fall den Männern, zu überlassen. Denn Kommunalpolitik betrifft alle Menschen direkt in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld und prägt ihre Lebensqualität: in der Ausgestaltung der Nahverkehrssysteme oder der Kindertageseinrichtungen ebenso wie in Fragen der nachhaltigen Energieversorgung oder der hier in Freiburg so wichtigen Wohnbaufrage.
Was ist die zentrale These, die Sie am Diskussionsabend vertreten werden?
Wir können uns als demokratisches Gemeinwesen nicht damit zufriedengeben, dass die Hälfte der Bevölkerung politisch nicht angemessen repräsentiert ist. Gerade in Bezug auf die Kommunalpolitik gilt es deshalb, neuen Schwung in die Debatte zu bringen. Es müssen Parteistrukturen aufgebrochen und Frauen nachhaltig gefördert werden und sich die Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern umfassend ändern. Nur so kann kommunalpolitisches Engagement mit unterschiedlichen Lebenssituationen vereinbar sein.

Irene Vogel (Unabhängige Frauen Freiburg)

Stadträtin seit 1999

Welches Ereignis illustriert für Sie, wie wichtig Frauen in der Kommunalpolitik sind? 

Frankreich hat im Jahr 2000 die Parität gesetzlich verankert. Wahllisten zu Kommunalparlamenten bis zur Nationalversammlung wurden von da an 50:50 aufgestellt. Das Ergebnis ist heute sichtbar. Frauen sind (fast) zu gleichen Teilen in allen Parlamenten vertreten.

Was ist die zentrale These, die Sie am Diskussionsabend vertreten werden? 

Die gleichberechtigte Partizipation von Frauen in Parlamenten und in Aufsichtsräten wie auch in Führungspositionen aller Bereiche der Gesellschaft stärkt die Vielfalt, berücksichtigt unterschiedliche Bedürfnisse und führt zu passgenaueren Entscheidungen.

Maria del Mar Mena (Urbanes Freiburg)

Stadträtin seit 2019

Welches Ereignis illustriert für Sie, wie wichtig Frauen in der Kommunalpolitik sind?

Das Ereignis, welches mir immer wieder zeigt, wie wichtig es ist, mehr Frauen an kommunalpolitischen Diskussionen und Entscheidungen zu beteiligen, begegnet mir in jeder Sitzung und in jedem Gremium. Eine männliche Dominanz, die meint, für alle zu sprechen. Selbst bei ausgeglichenen Verhältnissen beanspruchen Männer meistens mehr Redezeit als Frauen.

Was ist die zentrale These, die Sie am Diskussionsabend vertreten werden?

Eine paritätische Vertretung in der Kommunalpolitik ist ein erster Schritt auf den hingearbeitet werden muss. Dennoch ist es nicht damit getan, auch eine größere Intersektionalität sollte in den Gemeinderäten erreicht werden. Eine Gesellschaft, die so divers ist wie unsere, wird besser, aber nicht gut genug repräsentiert, wenn man den Fokus auf das Merkmal "Geschlecht" setzt.