StefanWahl Dr. Stefan Wahl, Akad. Oberrat
Dipl. Psych.
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Tel.: +49 761 682-177

SCHIRM ist ein Konzept zur Strukturierung und Organisation der Seminararbeit an der Hochschule. Ein zentrales Element des SCHIRM-Konzepts ist, dass neue Seminarinhalte in drei Wochen dauernden und ineinander verschränkten Lernzyklen auf unterschiedliche Arten verarbeitet werden.

Ablauf und Organisation des Seminars nach dem SCHIRM-Konzept

Ein zentrales Element eines SCHIRM-Seminars sind Lerntagebücher, die die Studierenden wöchentlich schreiben und zu denen sie sich in Lernpartnerschaften gegenseitig schriftlich Rückmeldungen geben. Die Seminarsitzungen verlaufen jede Woche nach dem selben Muster, das in den eckigen Kästen dargestellt ist. Auch die Aufgabenstruktur der Studierenden und der Tutorin/des Dozenten wiederholen sich jede Woche (abgerundete Kästen).

Schritte der Verarbeitung des Wissens im SCHIRM-Konzept

Durch diese Organisationsform wird ein neu eingeführter Inhalt über einen Zeitraum von drei Wochen auf unterschiedliche Arten verarbeitet und vertieft. Die einzelnen Komponenten werden im folgenden Abschnitt entlang dieser Schritte der Verarbeitung (in Abb. 2 fett gedruckt) beschrieben.

Einführung neuer Inhalte. In jeder Seminarsitzung gibt es eine Phase, in der der Dozent neue Inhalte referiert. Dies sind meistens theoretisch-konzeptuelle Inhalte oder Ergebnisse empirischer Studien. Dabei wird besonders auf eine prägnante Vermittlung der zentralen Informationen und auf deren klare Strukturierung gelegt. Dieser Vortragsteil wird durch eine PowerPoint-Präsentation begleitet. Die Folien werden den Studierenden über die Lernplattform zur Verfügung gestellt.

Vertiefung und Übung. Die neu eingeführten Inhalte werden gleich in derselben Sitzung vertieft oder geübt. Je nachdem, was zum Inhalt passt, werden theoretische Zusammenhänge auf konkrete Beispiele bezogen, Experimente aus dem jeweiligen Forschungsbereich mit den Seminarteilnehmern selbst durchgeführt, eigene Erfahrungen zu einem Thema gesammelt und reflektiert, kleine Impulsübungen gemacht, an denen man bestimmte Phänomene selbst erleben kann, Mess- oder Testverfahren selbst ausprobiert oder kritische Fragen in Kleingruppen oder im Plenum diskutiert.

Lerntagebuch schreiben. Zur Nachbereitung und weiteren Vertiefung schreiben die Studierenden zuhause ein Lerntagebuch. In diesem Lerntagebuch fassen sie die für sie wichtigsten oder interessantesten Inhalte der Sitzung zusammen und formulieren eigene zusätzliche Gedanken. Die eigenen Gedanken können sich auf Verknüpfungen zu den bisherigen Seminarthemen, auf Bezüge zu anderen Veranstaltungen im Studium oder zu pädaogischen Anwendungsfeldern, auf kritisches Hinterfragen der psychologischen, pädagogischen und manchmal auch philosophischen Annahmen, auf eigene Erfahrungen oder neu konstruierte Beispiele beziehen. Auch eine Reflexion über den eigenen Lernprozess und das eigene Verständnis kann Gegenstand des Lerntagebuchs sein. Es wird explizit darauf hingewiesen, dass das Lerntagebuch kein Sitzungsprotokoll (Gliederung nach Ablauf, vollständige Wiedergabe) sein soll, sondern dass die Inhalte nach inhaltlichen Gesichtspunkten und subjektiver Bewertung ausgewählt und gegliedert werden sollen.

Sammelgespräch. Zu Beginn der folgenden Sitzung werden die Inhalte der vergangenen Sitzungen - v.a. der letzten Sitzung - erneut aufgegriffen. Dies geschieht bei diesem „Sammelgespräch“ in einer offenen und vollständig durch die Studierenden bestimmten Form. Sie können Fragen stellen, die sich ihnen beim Schreiben des Lerntagebuchs gestellt haben oder Überlegungen, Beispiele, Kritik usw. berichten, über die sie im offenen Teil des Lerntagebuchs geschrieben haben. In dieser Phase wird versucht, hauptsächlich ein Gespräch oder eine Diskussion unter den Seminarteilnehmenden anzuregen, d.h. Fragen oder Diskussionspunkte werden, soweit dies möglich ist, an die Gruppe weitergegeben.
Diese Phase erfüllt mehrere wichtige Funktionen im Seminarablauf: Das Sammelgespräch bietet für die Studierenden einen guten Einstieg, um in das Seminarthema „hineinzukommen“, da sie in der Regel gerade aus anderen Veranstaltungen oder anderen Kontexten kommen. Dabei werden sie gleich angeregt, selbst über die angesprochenen Themen nachzudenken und an die eigene bisherige Beschäftigung damit anzuknüpfen. Gleichzeitig wird dadurch der bisherige Stoff auf eine bestimmte, subjektive Art zusammengefasst. Weiterhin können die Studierenden ihre Verständnislücken schließen und über die Fragen / Anregungen der Anderen ihr eigenes Wissen und Verständnis überprüfen („Wie würde ich diese Frage beantworten? Welche Einstellung hätte ich zu diesem Thema?“).

Rückmeldung zum Lerntagebuch des Lernpartners schreiben. In jeder Sitzung tauschen die Lernpartner ihre Lerntagebucheinträge zur vorangegangenen Sitzung aus. In der folgenden Woche lesen sie dann das Lerntagebuch des Partners und schreiben dazu eine differenzierte Rückmeldung. In diesen Rückmeldungen sollen sie die Korrektheit bewerten, versuchen, offen gebliebene Fragen zu beantworten oder  ihre eigene Meinung zu angesprochenen Themen darstellen. Im Idealfall entwickelt sich über die Lerntagebücher und Rückmeldungen ein schriftlicher Diskurs über die Seminarinhalte. In den Rückmeldungen können aber auch Hinweise zu Form, Sprache, Verständlichkeit, Rechtschreibung usw. des Lernpartners oder motivierend-emotionale Rückmeldungen gegeben werden („Das hast Du gut erklärt.“; „Es macht Spaß, dein LT zu lesen.“).  Auch die Rückmeldungen sollen als separater Text, in vollständigen Sätzen geschrieben sein und mindestens eine halbe Seite lang sein.

Individuelle Kommentare von Tutorin und Dozent. Neben der ausführlichen und differenzierten Rückmeldung durch den Lernpartner bekommen die Studierenden zu jedem Lerntagebuch und zu jeder Rückmeldung, die sie geschrieben haben, auch eine Rückmeldung von der Tutorin oder dem Dozenten. Diese Rückmeldungen sind aufgrund der Menge der Lerntagebücher (ca. 25 pro Woche) kürzer: Die Tutorin oder der Dozent schreiben handschriftlich direkt in die Lerntagebücher kurze Kommentare, Hinweise, Lob oder Kritik. In der Regel gibt es ein paar solcher Kommentare direkt im Text und am Ende ein paar Sätze mit einer abschließenden Bewertung. Diese Bewertung bezieht sich aber nicht nur auf die Korrektheit des Geschriebenen, sondern vielmehr auf die erkennbare Auseinandersetzung, Differenzierung und Verschriftlichung der eigenen Gedanken. Es wird auch versucht, diese Bewertungen anhand einer individuellen Bezugsnorm vorzunehmen.

Rückmeldungen durch den Lernpartner. In der folgenden Woche bekommen die Studierenden die Rückmeldung des Lernpartners (und der Tutorin bzw. des Dozenten) zurück. Das Lesen dieser Rückmeldungen führt ein weiteres Mal zur Auseinandersetzung mit diesen Inhalten.

Verknüpfung und Integration des Wissens im SCHIRM-Konzept. Innerhalb einer Woche überlappen sich aber auch drei solcher „Verarbeitungsstränge“, so dass immer (mindestens) drei Einheiten alter und neuer Inhalte in einer Woche explizit verarbeitet und miteinander verzahnt behandelt werden. Auch dies unterstützt die Integration und Vernetzung der Inhalte miteinander. Wenn beispielsweise die Rückmeldungen des Lernpartners und der Tutorin zum Lerntagebuch von zwei Wochen zuvor gelesen werden, haben sich die Studierenden schon mit zwei weiteren Einheiten beschäftigt, die auf diese früheren Inhalte aufbauen oder sie differenzieren. Unter dieser neuen Perspektive werden sie gegebenfalls nochmals anders bewertet und eingeordnet - oft erkennen die Studierenden dabei auch (überrascht),  welchen Lernfortschritt sie in dieser Zeit gemacht haben.