Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Baden-Württemberg

 

Promotionskolleg: Experimentieren im mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht (exMNU)

 

Rieß, W., Wirtz, M. & Oetken, M.

 

Pädagogische Hochschule Freiburg

 .

BMBF - Bundesministerium für Bildung und Forschung


The quality of teaching: Does it depend on psychological and neurobiological characteristics of the teacher?
Riemann, D.1) & Wirtz, M.2)

 

1) Universitätsklinikum Freiburg

2) Pädagogische Hochschule Freiburg

 

Der Person des Lehrers bzw. der Lehrerin obliegt die entscheidende Funktion bei der Wissensvermittlung im schulischen Rahmen. In den letzten Jahrzehnten mehren sich die Anzeichen, dass deutsche Lehrer im Vergleich zu anderen akademischen Berufsgruppen weitaus häufiger krankgeschrieben und frühberentet werden. Ursachen dafür sind sowohl körperliche als auch in zunehmendem Maße psychische Erkrankungen, vor allem Schlaf- und depressive Störungen. Insomnischen Beschwerden kommt der Charakter eines Frühwarnzeichens für depressive Erkrankungen zu. Aus Sicht der Schlafforschung ist bedeutsam, dass ausreichender/ ungestörter Schlaf als Prärequisit für Lern- und Gedächtnisprozesse (insbesondere nächtliche Gedächtniskonsolidierung) gesehen wird.

Im Rahmen des beantragten Projekts soll untersucht werden, ob die Lehrqualität von Referendaren der PH Freiburg, operationalisiert über unabhängige Expertenurteile sowie Schüler- und Lehrerurteile durch vorher erhobene Daten zur psychischen Verfassung und zur Schlafqualität vorhergesagt werden. Darüber hinaus erfolgt eine aufwändigere longitudinal angelegte neurobiologische Charakterisierung einer Substichprobe junger Lehrer mithilfe von neuroendokrinen, polysomnographischen und Neuroimaging-Verfahren, um zu klären, ob Ergebnisse neurobiologischer Messungen die Unterrichtsqualität vorhersagen können und längsschnittlich mit ihr kovariieren.

In einem ersten Schritt sollen Fragebogendaten zum  körperlichen und psychischen Gesundheitszustand, zu berufsrelevanten Einstellungen sowie zum Schlafverhalten einer Kohorte von Lehramtsstudierenden (n = 188) im Abschlusssemester (T0), zu Beginn des Referendariats (T1) und zum Ende des Referendariats (T2) erhoben werden. Mit diesem Datensatz kann geprüft werden, ob die Konfrontation mit dem Berufsalltag Veränderungen des Gesundheitszustands bzw. des Schlafverhaltens induziert und ob sich diese Veränderungen im Verlauf des Referendariats wieder zurückbilden oder nicht.

In einem zweiten Schritt wird quasi simultan an einer ausgewählten Substichprobe von  n = 63 Lehramtsreferendaren eine Evaluation der Lehrqualität im Unterricht über Expertenurteile sowie Schüler und Lehrerurteile zum den Zeitpunkten T1 und T2 durchgeführt. An dieser Stichprobe werden darüber hinaus zu T0, T1 und T2 umfangreiche neurobiologische Messungen durchgeführt, von denen wir annehmen, dass sie mit der Lehrqualität in Zusammenhang stehen. Das neurobiologische Inventar setzt sich zusammen aus Messungen von Cortisol (in Ruhe und unter Unterrichtsbedingungen) als sensiblem Stressindikator, der Kapazität der nächtlichen Gedächtniskonsolidierung (inklusive Polysomnographie im Schlaflabor) und Neuroimaging-Paradigmen (Kernspintomographie plus funktionelle Kernspintomographie =fMRT). In den fMRT-Untersuchungen werden die Teilnehmer mit typischen Stimuli der Lehrtätigkeit (visueller/ akustischer Art, unterschiedlicher emotionaler Valenz und variierendem Auuforderungscharkter) konfrontiert und als abhängige Variable die Verteilung des BOLD (blood oxygen level dependent)-Signals über verschiedene Hirnregionen gemessen. Davon erhoffen wir uns Aufschlüsse über Zusammenhänge zwischen cerebralen Aktivierungsmustern und der Lehrqualität.

Mit dieser Studie werden erstmals longitudinal Daten an jungen Lehrern noch während des Studiums sowie zu Beginn und Ende des Referendariats zum körperlichen/psychischen Gesundheitszustand und spezifischen neurobiologischen Merkmalen erhoben. Die Messung der Lehrqualität zu zwei Zeitpunkten wird es erlauben zu prüfen, ob neurobiologische Charakteristika diesbezüglich von prädiktiver Wertigkeit sind, bzw. ob entsprechende Merkmalskonstellationen erst durch die Konfrontation mit dem Berufsalltag provoziert werden und ggfs. über ein Jahr stabil bleiben. Dieser Ansatz kann nicht nur Aufschlüsse über mögliche neurobiologische Determinanten der Lehrqualität geben, sondern möglicherweise Interventionsstrategien eröffnen, die Lehrqualität zu verbessern.