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Fotografien als Quelle für die qualitative Forschung in der Erziehungswissenschaft

Fotografien sind ein in technischen Kulturen allgegenwärtiges Objekt, sie haben, wie es Susan Sontag ausdrückt, den Blick auf die Welt radikal verändert und neue Wirklichkeiten geschaffen. (vgl. Sontag, zit. nach Fuhs 1997 S.265) Fotos sind in unserem Alltag überall präsent und erfüllen dabei sehr unterschiedliche Funktionen.
Die Verwendung von Fotos als Quelle qualitativer Forschung ist in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen sehr uneinheitlich. Die Anthropologie sowie die Ethnologie bedienen sich der Fotografie schon seit ihren Anfängen (auch als Quelle quantitativer Daten, wie der Vermessung von Körperproportionen), in den Naturwissenschaften dienen fotografische Aufnahmen u.a. dazu, Dinge sichtbar zu machen, die das bloße Auge normalerweise nicht erfassen kann (z.B. Mikroskopfotografie). Die historischen Wissenschaften bedienen sich der Fotografie und anderer Bildquellen, um geschichtliche Ereignisse nachzuvollziehen und Aussagen über die Lebensweise in der jeweiligen Zeit zu treffen.
Seit Beginn des 21. Jahrhunderts rückt das Foto als wissenschaftliche Quelle immer mehr in den Fokus der Wissenschaften, zahlreiche interdisziplinäre Ansätze versuchen, einen gemeinsamen Weg zur Analyse visuellen Materials zu finden, allerdings ist bisher die Entwicklung gemeinsamer Werkzeuge zur Bildanalyse (link zum Text über die Analysemethoden (evtl Teil II)) auf Grund unterschiedlicher Erkenntnistheorien und methodischer Ansätze nicht entscheidend vorangekommen.

Die Erziehungswissenschaft hat nach Ansicht von Burkhard Fuhs auf die heutzutage existente visuelle Überflutung im Bezug auf die Entwicklung qualitativer Bildanalysemethoden nicht angemessen reagiert (vgl. Fuhs 1997, S.265). Er stellt die Vermutung in den Raum, dass Fotografien mit einem unseriösen „illegitimen“ Image behaftet sind und deshalb bisher keine Methoden auf sie hin entwickelt wurden. Sein Argument für eine Einbeziehung der Fotografie in den erziehungswissenschaftlichen Erkenntnisprozess bezieht sich auf die Schaffung neuer Perspektiven zur Analyse komplexer sozialer Felder. Er sieht in Fotografien vor- bzw. unbewusste Anteile des sozialen Sinns, den Akteure ihren Handlungen und ihrer Welt zuweisen, und die sie allein durch sprachliche Mittel nicht zu äußern vermögen. (vgl. ebd. S. 266)
Am Beispiel des symbolisch-ästhetischen Ausdrucks von Jugendkulturen verdeutlicht Fuhs die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit den nonverbalen, den bildhaften Äußerungen als Quelle für Untersuchungen.
„Qualitative erziehungswissenschaftliche Empirie bedeutet in dieser Perspektive weniger die Betrachtung eines selektiven Ausschnittes der - durch pädagogische Institutionen umgrenzten - Wirklichkeit, als vielmehr die Öffnung für eine „verstehende“ Analyse komplexer Sinnwelten aus pädagogischen Perspektiven.
In dem Maße, wie die alltägliche Lebenswelt für das Verständnis pädagogischer Prozesse an Bedeutung gewinnt, lohnt es sich, auch die Fotografie als eine Quelle der qualitativen erziehungswissenschaftlichen Forschung neben anderen Zugängen zu nutzen.“ (ebd., S. 266)

Fuhs sieht drei Ansätze zur Forschung mit Hilfe von Fotos:- Den dokumentarischen Einsatz durch den Forscher,- die Analyse fotografische Eigenproduktionen der Untersuchten sowie- die Nutzung bereits vorhandene Fotografien als Quelle (vgl. ebd., S. 267)

Dabei stellt die „fotografische Methode“ eine gewinnbringende Ergänzung anderer qualitativer Untersuchungsmethoden dar, durch sinnvolle Auswahl der Verfahren entsteht in einem Prozess der Triangulation (Methodenkombination) eine tiefergehende Analyse. Grundlegende Voraussetzung für den Einsatz der Methode ist dabei eine „Sichtbarkeit des Forschungsgegenstandes“. Das zu Erforschende muss sich ablesen lassen in „konkreten Handlungen, Dingen und deren Arrangements“ (ebd., S. 267), wobei „sich die fotografischen Abbildungen grundsätzlich als Inszenierungen von sozialen Prozessen (link zu dem gelben Teil dieses Textes) verstehen und symbolisch interpretieren lassen“ . (Goffman 1983, zit. N. Fuhs 1997, S. 267)
Die qualitative Erziehungswissenschaft nimmt hier eine lebensweltliche Perspektive ein, die „ - neben dem Lehrer- Schüler- Verhältnis und den Unterrichtsinhalten – weitere für die Schüler relevante subjektive Alltagsperspektiven in den Blick nehmen und beispielsweise das Aussehen des Klassenraumes, die Möglichkeiten und Grenzen des Wohngebietes, die Wahrnehmung der Freizeitorte, die Bedeutung von Kleidung oder Musik als Teil der Lebenswelt der Schüler und Schülerinnen analysieren“ will.(Fuhs 1997, S. 268)
Im Bezug auf den Diskurs darüber, ob Fotos ein Abbild der Realität sein können, fordert Fuhs für den wissenschaftlichen Umgang mit Fotografien eine konstruktivistische Sichtweise: Eine Fotografie ist mehr als die physikalische Abbildung der Lichtspur zum Zeitpunkt der Aufnahme, mehr als das Produkt eines technischen Abbildungsprozesses. Falls beispielsweise das Aufnahmeverfahren vom Fotografen beeinflusst wurde, spielt die Art des Einsatzes fotografischer Mittel eine Rolle für die Interpretation der Aufnahme. Wichtiger jedoch sind für Fuhs die „praktischen Handlungen und psychischen Einstellungen“ (Fuhs 1997, S.267) des Fotografierenden, die seine „Handschrift“ im Bild erkennen lassen – möglicherweise entstanden durch unbewusste Prozesse.
Die Güte eines Fotos, die Aufmerksamkeit, die es auf sich zieht, hängt nach Fuhs wenig von der technischen Kompetenz ab. Es geht vielmehr darum, dass ein vorher im Fotografen existentes Bild manifestiert wird. Der fotografische Blick hängt zwar vom Vorwissen und der technischen Kompetenz ab, lässt aber vor allem Rückschlüsse auf Geschmack und ästhetische Vorlieben zu. Die intuitiven Entscheidungen, beispielsweise bei einem Schnappschuss, sagen viel über den Fotografen aus. Die Wahl des Motivs ist eine individuelle Entscheidung, die persönliche, neue Sicht der Dinge macht Aufnahmen lohnenswert. Die jeweiligen Sehgewohnheiten der Zeit haben Auswirkungen auf den Blick und den ästhetischen Ausdruck, die fotografische Sichtweise. (vgl. Fuhs 1997, S. 271)
Der „richtige Augenblick“, den ein gutes Foto festhält, wird zum symbolischen Abbild. Dieser zeitliche und räumliche Ausschnitt aus der Realität erklärt einen bestimmten Blick für bedeutsam, was weggelassen wird, bleibt für den Betrachter im Dunkeln. Unsere Sehgewohnheiten und Erwartungen spielen für die Wahrnehmung von Bildern eine wichtige Rolle: Diese machen sich z.B. am Format des Bildes (hoch- oder quer), der Wahl der Bildmitte und an den fotografischen Gestaltungsmitteln bemerkbar. (vgl. ebd., S. 272) Dabei spielen auch die ästhetischen Konzepte und künstlerischen Ausdrucksmittel des jeweiligen historischen Kontextes eine Rolle für das Bildverständnis. Auch der jeweilige Stand der Fototechnik nimmt Einfluss auf die Gestaltungsmöglichkeiten und Entscheidungsspielräume des Fotografen (vgl. ebd., S. 275)
Die Rezeptionsseite ist ebenfalls kulturgeprägt, die soziale Situation des Betrachters bestimmt die Sicht auf das Foto ebenso wie die Aussageabsicht des Fotografen.
„Das heißt, ein Foto, das man wissenschaftlich nutzen möchte, muss nicht nur auf seinen Inhalt hin analysiert werden, sondern das Foto muss auch unter historischen und ästhetischen Fragestellungen untersucht werden. Für das wissenschaftliche, quellenkritische Verständnis eines Fotos ist es oftmals wichtig zu wissen, unter welchen Bedingungen es entstanden ist, für welche Zwecke es aufgenommen wurde, in welche historische Fotokultur es eingebettet ist und ob es heute anders gesehen wird als zur Zeit seiner Entstehung. Dabei sind vor allem soziale Differenzen zwischen der Herkunftskultur eines Bildes und der wissenschaftlichen Verwendungskultur zu beachten. Vor allem muss stets damit gerechnet werden, dass ein Foto im Forschungsprozess völlig anders verstanden wird als in der Situation, in der es entstanden ist.“ (ebd., S. 274)
Durch die Interpretation und die damit einhergehende Versprachlichung wird aus der Mehrdeutigkeit des Mediums Bild eine eingeengte Bedeutung. Die Gefahr von Spekulation und Überinterpretation und die Unsicherheit der Aussagen sowie ihre mangelnde Nachprüfbarkeit stellen für Fuhs ein Forschungsrisiko beim Einsatz von Fotos als Quelle dar. (vgl. ebd., S. 274) Für Fuhs ist die Nutzung von Fotos als historische Quelle „besonders ergiebig, wenn es gelingt, den Kontext in die Interpretation der Bilder einzubeziehen. (S. 279)
„Für einen wissenschaftlichen Einsatz von Fotos ist es - wie erwähnt - nicht nur wichtig, die Bilder inhaltsanalytisch und von ihrem ästhetischen Aufbau her zu untersuchen , sondern auch die Entstehungsbedingungen und die Verwendungskultur zu analysieren.“ (S. 279)

Eine sorgfältige Arbeitsweise ist also unerlässlich, eine formale Analyse des Bildes (Link zu Text über Analysemethoden) und eine darauf und auf das Kontextwissen basierende Argumentation sind notwendig, um das Bild als Quelle zu nutzen.

Literatur:

 

  • Fuhs, Burkhard: Fotografie und qualitative Forschung. Zur Verwendung fotografischer Quellen in den Erziehungswissenschaften. In: B. Friebertshäuser; A. Prengel (Hrsg.): Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Weinheim und München: Juventa 1997, S. 265-285.
  • Mikos, Lothar: Film-, Fernseh- und Fotoanalyse, in: L. Mikos; C. Wegener (Hrsg.) Qualitative Medienforschung. Ein Handbuch, Konstanz 2005 (UTB), S. 458 - 465.


Sandra Tell (2007)