Evokative Autoethnografie

Es gibt unterschiedliche Spielarten von Autoethnografie, die sich idealtypisch hinsichtlich der Themenwahl (liminale Phasen oder alltägliche Praxis), dem Textgenre (eher literarisch-künstlerisch oder eher konventionell akademisch-sozialwissenschaftlich) und dem Ziel des Textes (stark analytisch, eher deskriptiv oder evokativ) unterscheiden (Bönisch-Brednich 2012, 58 ff).

Evokative Autoethnografie gehört zu jenen stark reflexiven methodischen Zugängen, die die Beziehung der Forschenden zu ihrem Feld als konstitutiven und wertvollen Teil des Forschungsprozesses begreifen (Breuer 2000; Bonz 2014; Kühner et al. 2016; Ploder und Stadlbauer 2016, 2017). Die persönliche Erfahrung der Forschenden, eingebettet in ihren sozialen und kulturellen Entstehungszusammenhang, bildet den Ausgangspunkt für das Forschungsvorhaben: „The focus is on personal experiences as they are shaped and performed in social and cultural contexts,“ schreibt Johanna Hefel (2014, 201). Somit kann die Autoethnografie auch als „Biographieforschung von innen nach außen“ (edba, 197) bezeichnet werden. In vielen Studien werden Übergänge thematisiert (bspw. Migration, der Sterbeprozess, der Promotionsprozess, Elternwerden). Auch Fragen von Zugehörigkeit und Marginalisierung werden häufig bearbeitet (z.B. Homosexualität, Frausein, politischer Widerstand, Sexarbeiterin sein), sowie körperbezogene Forschungsfelder wie Sport, Sexualität, Gewalterfahrungen oder Krankheit.

Der Zugang lässt sich unter anderem in der Arts-Based-Research bzw. Fiction-Based-Research (Schreier 2017, 5ff., 14) verorten, im Kanon der Performative Social Science (Roberts 2008, Mey 2020), im Rahmen des narrative turn und der Konjunktur von storytelling (Schreier 2017, 7). Autoethnografische Arbeiten nehmen nicht nur Textform an, sondern es entstehen auch Skripte für Performances und Aufführungen vor Publikum (Canella 2014; Gergen und Gergen 2016).

Autoethnografien folgen einem performativen Erkenntnisprozess: Sie bieten den Rezipient*innen an, sich auf eine identifikatorische und bedeutungsgenerierende Beziehung mit dem Text/der Performance einzulassen (Denzin 2008, 231; Winter 2011; Bochner 2001). Der Forschungsprozess endet somit nicht mit der Produktion des Textes durch die Forschenden, sondern erst mit dem sinnlichen Erleben der jeweiligen Leser*innen bzw. des Publikums. Texte und Performances sind deshalb für unterschiedliche Lesarten offen gestaltet.

Der Arbeitsprozess beginnt mit dem Sichten von bestehendem Material (Tagebuchnotizen, Gedichte, Fotos, persönliche Aufzeichnungen, Emails…), das Zugang zur emotionalen Erinnerung an die Erfahrung, um die es gehen soll, ermöglicht  1Es kann neues Material geschaffen werden, indem z.B. Erinnerungen an Ereignisse und Interaktionen aufgeschrieben, Gespräche mit dem persönlichen Umfeld geführt, Introspektionsnotizen gemacht (Ellis 2008) oder formaler gestaltete Forschungsgespräche geführt und transkribiert werden (Foster 2006). Hier können alle Arten der ethnografischen Datenerhebung eingesetzt werden.

Zwei prominente Vertreter*innen dieser Spielart formulieren das Vorgehen so: “I start with my personal life. I pay attention to my physical feelings, thoughts, and emotions. I use […] systematic sociological introspection and emotional recall to try to understand an experience I’ve lived through. Then I write my experience as a story. By exploring a particular life, I hope to understand a way of life […]. [T]he goal is […] to enter and document the moment-to-moment, concrete details of life.” (Ellis/Bochner 2000, 737)

Auf Basis dieser Daten erfolgt ein Schreiben mehrerer Versionen der autoethnografischen Erzählung. Der erste Entwurf hat typischerweise eine Protagonistin mit bestimmten charakteristischen Eigenschaften, einen Ort/eine Landschaft/ein Setting (mit Geräuschen, Farben, Bewegungen), an dem das Geschehen stattfindet, und eine Handlung. Es ist dabei nicht notwendig, „alles“ zu erzählen: Detaillierte Schilderungen sollten sparsam und effektiv zu ausgewählten Aspekten eingesetzt werden. Bewährte Stilmittel sind unter anderem direkte Rede, Dialoge, Gedichtform, ein Spiel mit Dialekten, Metaphern, Fotos, eine unkonventionelle Darstellung der Wörter auf der gedruckten Seite, Nutzung der Gegenwart als Erzählform, der Einsatz einer Ich-Erzählerin, ein Wechseln zwischen der Beschreibung eines Erlebnisses ‚während es passiert‘ und dem Nachdenken über das Erlebnis in der Retrospektive (z.B. in Form eines layered account, Ronai 1992, 123).

Während des Umschreibeprozesses wird die Geschichte darauf geprüft, mit welchen Aspekten sich Leser*innen identifizieren, wo sie sich angesprochen fühlen könnten. Die entsprechenden Teile des Textes werden systematisch gestärkt. Um diese Punkte in der eigenen Geschichte zu finden, ist es hilfreich, Peers den Text lesen zu lassen. Es kann im Schreibprozess immer wieder hilfreich sein, Feedback einzuholen, gemeinsam zu besprechen, was die Geschichte auslöst. Die gemeinsame Suche nach epistemisch gehaltvollen Elementen sowie die systematische sprachliche Stärkung wichtiger Themen und Passagen haben in der Autoethnografie einen ähnlichen Stellenwert wie die Interpretation/Auswertung in anderen qualitativen Verfahren. Das Schreiben wird selbst zur „Method of Inquiry“ (Richardson et al. 2005). Das Ziel, so Carolyn Ellis, lautet “readers should be able to feel the specificity of the author’s situation” (Ellis 2008, 854). Durch Selbstthematisierung soll bei den Lesenden ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, wie es ist, in dieser Situation zu sein. Der Schlüssel dazu liegt in der Kontextualisierung der eigenen Geschichte – die kulturelle und soziale Einbettung des Geschehens muss auf deskriptiver und/oder performativer Ebene deutlich werden.

Die Arbeit einer Kulturanthropologie-Studentin aus Graz soll abschließend als Beispiel dienen: Ausgangspunkt ihrer Autoethnografie war ihre Erfahrung als Kind und junge Frau, die sich bei der Feuerwehr im ländlichen Raum engagiert, sowie das sich ankündigende Ende dieses Engagements (Eidenhammer 2015). Sie sammelte Erinnerungen, Fotos und anderes Material und begann, sie zu einer autoethnografischen Erzählung zu verweben. Im Verlauf der Bearbeitung des Textes durch die Autorin traten als starke Motive soziale Hierarchie und Dorfleben/(Nicht-)Dazugehören, Geschlecht und Feuerwehr, sowie biographische Wendepunkte hervor. In mehreren Phasen des Umschreibens und Experimentierens mit verschiedenen Darstellungsformen entstanden eine Performance und ein Text. Die Performance beinhaltete u.a. das Vorlesen eines Briefes, den die erwachsene Protagonistin an ihr kindliches Alter Ego richtet, welches gerade der Feuerwehrjugend beigetreten war, außerdem Tonaufnahmen von Sirenengeheul, das Anziehen einer Feuerwehruniform sowie ein Video des Laufs der Feuerwehrfrau durch das Dorf zur Einsatzzentrale. Durch die evokative Art der Darstellung gelang es der Autorin, den Rezipient*innen vielfältige Erfahrungsdimensionen nachvollziehbar zu machen und sie dazu anzuregen, mit ihrer eigenen Erfahrung an die Geschichte anzuschließen: die identitätsstiftende Funktion der Feuerwehr für die Protagonistin, die Fähigkeiten, die sie sich aneignet, die taktile Dimension des Brandlöschens, die körperlichen Wirkungen dieser Arbeit, sowie soziale Ambivalenzen (z.B. als Frau während der Ausbildung ernstgenommen werden, Dorfzusammenhalt und Hilfe, soziale Position der Familie, Landfeuerwehr vs. Studieren in der Stadt).

[1] Wir stellen hier eine mögliche Variante vor, die für Teilnehmende unserer Schreibworkshops und uns selbst gut funktioniert hat.

Literatur:

Podcasts & Leseempfehlungen:

Artikel verfasst von Johanna Stadlbauer und Andrea Ploder (2019)

Zitation: Stadlbauer, Johanna/Ploder, Andrea (2019). Evokative Autoethnografie. QUASUS. Qualitatives Methodenportal zur Qualitativen Sozial-, Unterrichts- und Schulforschung. URL (https://yourls.ph-freiburg.de/lh)