Intermodaler Vergleich der Entwicklung narrativer Kompetenzen von Kindern im Alter von 4-10 Jahren

Status: aktuell

Kurzinhalt: Mündliche Erzählungen sind ein wichtiger Teil alltäglicher sprachlicher Interaktionen (vgl. Ringmann, 2014), in ihnen werden reale oder imaginierte Ereignisse erzählt (vgl. Martínez, 2011; Becker, 2011). Narrative Kompetenzen im Vorschulalter sind ein Prädiktor für schulische Bildungserfolge, wie zum Beispiel Leseverständnis, Schriftsprachkompetenz, Mathematik und soziale Kompetenzen (vgl. u.a. Chang, 2006; O'Neill et al., 2004; Khan et al., 2021). Erzählungen haben einen komplexen Aufbau und erfordern unterschiedliche sprachliche Kompetenzen, die sich im Laufe der Kindheit entwickeln. Daher eignen sich Erzählungen für die Analyse der Sprachentwicklung von Kindern. Die erste international vergleichende Studie zur Erzählentwicklung von Kindern in Gebärdensprachen (Kolbe et al. 2025) scheint in Bezug zu den Erkenntnissen der vergleichenden, lautsprachlichen Studie von Berman & Slobin (1994) auf modalitätsspezifische Unterschiede in der Entwicklung der Makrostruktur hinzuweisen. 

In der aktuellen Forschung wird in einer quantitativen Studie Kindererzählungen in Deutscher Lautsprache (n = 60) und Deutscher Gebärdensprache (n = 66) mittels eines sprachfreien Videos elizitiert und die Entwicklung der Makrostruktur verglichen. Dabei wird analysiert, wie sich die Makrostruktur in Video-elizitierten gebärdeten und gesprochenen Erzählungen von Kindern im Alter von 4-10 Jahren entwickelt und welche intermodalen Unterschiede und Gemeinsamkeiten gibt es?

Die statistische Analyse erfolgt mit dem Generalisierten Additiven Modell (Wood, 2017). Dieses schätzt keine lineare Regression, sondern nimmt einen flexibleren Verlauf an, der eine visuelle Darstellung der Sprachentwicklung ermöglicht. 

Aus den Erkenntnissen können didaktische Implikationen für die Sprachförderung bimodal-bilingualer Kinder in Grundschulen und Kitas abgeleitet werden. Zudem eröffnet diese Studie eine bimodale Sprachdiagnostik narrativer Kompetenzen von hörenden und tauben Kindern, die mit Deutscher Laut- und Gebärdensprache aufwachsen. 

Leitung: Dr. Vera Kolbe, Kooperation mit Student:innen des Studiengangs

Literatur

Becker, T. (2011). Erzählkompetenz. In M. Martínez (Hrsg.), Handbuch Erzählliteratur, (58-63). J.B. Metzler.

Berman, R., & Slobin, D. (1994). Relating events in narrative: A cross-linguistic developmental study. Lawrence Erlbaum.

Chang, C. (2006). Linking early narrative skill to later language and reading ability in Mandarin-speaking children. Narrative Inquiry, 16(2), 275-293

Khan, K. S., Hong, F., Justice, L. M., Sun, J., & Mills, A. K. (2021). Cross-domain associations between mathematical and narrative abilities in preschool-aged children. Journal of Experimental Child Psychology, 212, 105233. 

Kolbe, V., Enns, Ch., Herman, R. (under review) A crosslinguistic comparison of narrative development in three signed languages: British Sign Language, American Sign Language and Deutsche Gebärdensprache.

Martínez, M. (2011). Handbuch Erzählliteratur Theorie, Analyse, Geschichte. J.B. Metzler.

O’Neill, D. K., Pearce, M. J., & Pick, J. L. (2004). Preschool children’s narratives and performance on the Peabody Individualized Achievement Test – Revised: Evidence of a relation between early narrative and later mathematical ability. First Language, 24, 149-183. doi.org/10.1177/0142723704043529 

Ringmann, S. (2014). Therapie der Erzählfähigkeit bei Kindern – ein Einzelfallserie. Logos, 22(1), 16-29

Wood, S. N. (2017). Generalized Additive Models: An Introduction with R (2 ed.). Chapman and Hall. doi.org/10.1201/9781315370279