Virtuelle Ringvorlesung Geographie 2026: Wissenschaft und schulische Praxis im Dialog - Bildungsstandards im Fach Geographie für die Allgemeine Hochschulreife

Innovationen und Herausforderungen

Im Rahmen der roadmap-Initiative 2030 wird auch im Sommersemester 2026 die Virtuelle Ringvorlesung Geographie fortgeführt – diesmal zum Schwerpunkt Bildungsstandards“

Seit rund 20 Jahren begleiten uns die Bildungsstandards im Fach Geographie für den mittleren Schulabschluss in der Lehre an Hochschulen und Schulen. Sie haben sich zu einer zentralen Referenz für die Entwicklung von Lehr- und Bildungsplänen, die Planung von Unterricht sowie die Gestaltung von Lehr- und Lernmaterialien entwickelt. Der Beitrag des Faches Geographie zur Allgemeinen Bildung, die Basiskonzepte und Kompetenzbereiche bilden dabei bis heute die Ankerpunkte für das Nachdenken über guten Geographieunterricht.

2024 sind nun die Bildungsstandards im Fach Geographie für die Allgemeine Hochschulreife erschienen. Ziel war es, die Regelstandards der Sekundarstufe I für die Sekundarstufe II weiterzuentwickeln und zugleich aktuelle Debatten aus Fachwissenschaft und Fachdidaktik in die Konzeption einfließen zu lassen. Entstanden ist ein Dokument, das die Bildungsstandards für den mittleren Schulabschluss fortschreibt sowie neue Schwerpunkte setzt.

Die Ringvorlesung nimmt die Neuerscheinung zum Anlass, konzeptuelle Innovationen sowie Herausforderungen bei der Übertragung in die Praxis zu diskutieren. In den drei Veranstaltungen der Reihe werden jeweils Perspektiven aus Fachwissenschaft, Fachdidaktik und Schulpraxis in Dialog gebracht. Aufgrund ihrer Praxisorientierung wird die Ringvorlesung ausdrücklich zur Anerkennung und Nutzung als Fortbildungsveranstaltung empfohlen.

Wir laden alle in der geographischen Bildung Tätigen an Schulen, Studienseminaren und Hochschulen sehr herzlich zur Teilnahme ein.

Programm

  • Dienstag, 12. Mai 2026, 16:00-18:00 Uhr c.t.
    Perspektive „Mensch-Umwelt“
    - Fachwissenschaftliche Perspektive: Antje Schlottmann (Universität Frankfurt)
    - Fachdidaktische Perspektive: Rainer Mehren (Universität Münster)
    - Schulpraktische Perspektive: Julia Klumparendt (Universität Bonn)
     
  • Dienstag, 09.06.2026, 16:00-18:00 Uhr c.t.
    Basiskonzept „Macht“
    - Fachwissenschaftliche Perspektive: Iris Dzudzek (Universität Münster)
    - Fachdidaktische Perspektive: Georg Gudat (Universität Jena)
    - Schulpraktische Perspektive: N.N. (tbd.)
     
  • Dienstag, 07.07.2026, 16:00-18:00 Uhr c.t.
    Kompetenzbereich „Handlung“
    - Fachwissenschaftliche Perspektive: Tilo Felgenhauer (Pädagogische Hochschule Oberösterreich)
    - Fachdidaktische Perspektive: Anne-Kathrin Lindau (Universität Halle-Wittenberg)
    - Schulpraktische Perspektive: N.N. (tbd.)

Abstracts

Antje Schlottmann (Universität Frankfurt), Rainer Mehren (Universität Münster), Sebastian Pungel (ZfsL Bonn) 

Die geographische Diskussion von Mensch-Umwelt Verhältnissen ist aktuell vom Begriff des Planetaren geprägt (Clark und Szerszynski 2021; Chakrabarty 2018). Auch in den Bildungsstandards im Fach Geographie für die gymnasiale Oberstufe ist dieser aufgenommen worden. 

Unserem Impuls liegt als erste These zugrunde, dass vor dem Hintergrund multipler Krisen die fachwissenschaftlichen Ansätze des planetarischen Denkens eine geeignete Grundlage für die Entwicklung didaktischer und unterrichtspraktischer Konzepte für ein zeitgemäßes Mensch-Natur Verständnis bieten. Mit dem planetaren Denken ist die Einsicht verbunden, dass wir anders als menschlich denken (lernen) müssen und dabei auch die Trennung von Natur und Menschlichem immer wieder in Frage stellen sollten, um aktuelle Dynamiken, wie sie sich etwa beim Klimawandel oder bei so genannten „Naturkatastrophen“ zeigen, zu begreifen. Beim planetary turn geht es darum, mit der weiterhin dominanten techno-wissenschaftlichen Rahmung des Erdsystemwandels zu brechen und sicherzustellen, dass der Umgang mit der planetaren Krise vielstimmiger und offener gestaltet und auch die politische Dimension der Darstellung anerkannt wird (Verne et al. 2025). 

In einem fachdidaktischen Impuls verfolgen wir den Gedanken, dass eine zeitgemäße Geographiedidaktik Elemente des planetary thinking aufnimmt und stellen eine veränderte Perspektivierung für den Geographieunterricht zur Diskussion, die weniger „global/Nachhaltigkeit“ und stärker „planetar/Bewohnbarkeit“ ins Zentrum rückt. Während „global“ die Welt vor allem als vernetzten Raum menschlicher Aktivitäten denkt, versteht „planetar“ die Erde als Lebenszusammenhang, in dem Menschen nur ein Teil sind. 

Auf die Unterrichtspraxis bezogen bedeutet das für uns, dass mit dieser nicht-anthropozentrischen Blickverschiebung und der Aufmerksamkeit für das gemeinschaftliche Bewohnen des Planeten Ansätze des forschenden, im Sinne von erfahrungsbasiert erkundendem Lernen neue Bedeutung erlangen. Anhand eines aktuellen Beispiels loten wir das Potential, aber auch zentrale Herausforderungen entsprechender Vermittlungspraxis aus. 

Chakrabarty, D. (2018). Planetary Crises and the Difficulty of Being Modern. Millennium: Journal of International Studies, 46(3), 259–282. https://doi.org/10.1177/0305829818771277
Clark, N. & Szerszynski, B. (2021). Planetary social thought. The anthropocene challenge to the social sciences. Polity. https://ebookcentral.proquest.com/lib/kxp/detail.action?docID=6381770
Verne, J., Marquardt, N. & Ouma, S. (2025). Planetary Futures: On Life in Critical Times. Geography Compass, 19(1), Artikel e70015. https://doi.org/10.1111/gec3.70015 

Iris Dzudzek (Universität Münster), Georg Gudat (Universität Jena), Julia Klumparendt (Universität Bonn) 

Das Basiskonzept „Macht" stellt in den Bildungsstandards im Fach Geographie für die Allgemeine Hochschulreife eine explizite Neuerung gegenüber Bildungsstandards für die Mittleren Schulabschluss dar – Machtfragen selbst haben innerhalb der Geographie jedoch eine lange Tradition. Sie sind inhärenter Bestandteil etwa der Auseinandersetzung mit Entwicklungsdiskursen, stadt- und raumplanerischen Fragestellungen oder den Dynamiken klimawandelbedingter Veränderungs- und Anpassungsprozesse. Unserem Impuls liegt die These zugrunde, dass Machtfragen implizit bereits fester Bestandteil eines multiperspektivischen, kritisch-reflexiven Geographieunterrichts sind – die Etablierung des Basiskonzepts „Macht" nun aber die Grundlage dafür schafft, diese Auseinandersetzungen explizit und analytisch zu führen und machtvollen Strukturen in raumbezogenen Kontexten systematisch(er) nachzugehen. Dabei bietet gerade die Humangeographie mit ihren Anschlüssen an die Politische Geographie, postkoloniale Theorien und die kritische Raumforschung ein reichhaltiges theoretisches wie methodisches Instrumentarium, um die Konstruiertheit von Machtverhältnissen sowie ihre Implikationen für raumbezogene Kommunikation und Handlungen sichtbar zu machen. 

m fachwissenschaftlichen Impuls werden Kernideen raumbezogener Macht entlang handlungsorientierter, strukturalistischer und poststrukturalistischer Perspektiven beleuchtet. Hierbei soll u. a. die Frage diskutiert werden, wie Räume Machtverhältnisse nicht nur widerspiegeln, sondern aktiv zu ihrer (Re-)Produktion beitragen. Auf diese Weise soll „Macht" nicht als feststehende Kategorie, sondern als relationales und kontextgebundenes Analysewerkzeug begreifbar werden, das geographisches Denken produktiv schärfen kann. 

Im fachdidaktischen Impuls wird der Frage nachgegangen, wie das Basiskonzept Macht im Horizont einer gegenwarts- und zukunftsorientierten Geographiedidaktik fruchtbar gemacht werden kann – und zwar nicht zuletzt vor dem Hintergrund aktueller geographiedidaktischer Forderungen nach einer emanzipatorischen und kritisch-reflexiven Bildung. 

Auf die Unterrichtspraxis bezogen, bedeutet dies, dass Lernende zum einen dazu befähigt werden sollen, raumbezogene Machtverhältnisse zu dekonstruieren – etwa durch eine kritisch-reflexive Auseinandersetzung mit geographischen Materialien wie Karten, Statistiken oder medialen Repräsentationen. Zum anderen muss ein machtsensibler Geographieunterricht auch zur Emanzipation der Lernenden beitragen: Sie sollen ihre eigene Eingebundenheit in machtvolle Strukturen erkennen und die damit verbundenen Implikationen und Limitationen des eigenen und fremden Handelns dekonstruieren und Perspektiven der Rekonstruktion entwickeln können. Anhand eines konkreten thematischen Beispiels loten wir Potenziale und Herausforderungen eines solchen Unterrichts aus und diskutieren, welche didaktisch-methodischen Anforderungen dabei relevant werden. Da die Institution Schule selbst ein machtgeladener Raum ist, soll abschließend auch die Frage in den Blick genommen werden, welche pädagogischen und beziehungsbezogenen Dimensionen ein solcher machtsensibler Unterricht zusätzlich beleuchten sollte.

Tilo Felgenhauer (Pädagogische Hochschule Oberösterreich), Anne-Kathrin Lindau (Universität Halle-Wittenberg), Christoph Geissler (Universität Frankfurt)

Die Bildungsstandards für die Allgemeine Hochschulreife weisen dem Kompetenzbereich Handlung eine zentrale Rolle zu. Lernende sollen raumbezogene Herausforderungen nicht nur analysieren und bewerten, sondern auch unterschiedliche Handlungsintentionen und -möglichkeiten erkennen, Strategien entwickeln, konkrete Maßnahmen vorschlagen und deren Wirkungen reflektieren. Damit rückt die Frage in den Mittelpunkt, was unter Handlung und Handeln in der geographischen Bildung verstanden werden kann und welche Potenziale, aber auch Grenzen damit für den Geographieunterricht verbunden sind. Die Ringvorlesung beleuchtet den Kompetenzbereich aus wissenschaftlicher, didaktischer und unterrichtspraktischer Perspektive am Beispiel der Tik-Tok-Challenge “Temple Run” und deren Einfluss auf die touristische Entwicklung in Kambodscha. Dabei werden im Anschluss an die vorangegangenen Vorlesungen zur Perspektive “Mensch-Umwelt” und zum Basiskonzept “Macht” grundlegende Spannungsfelder des Kompetenzbereichs "Handlung" thematisiert. Anhand der theoretischen und praktischen Überlegungen wird aufgezeigt, wie Lernende sich selbst als handelnde Akteure begreifen, die Räume aktiv gestalten können. Die Veranstaltung lädt dazu ein, über die Bedeutung des Handlungsbegriffs als Kompetenzbereich einer zukunftsorientierten geographischen Bildung nachzudenken.
 

Rahmendaten

Veranstaltungsart:

Online - Vortragsreihe für alle in der geographischen Bildung Tätigen

Termine:

Di, 12.05., Di, 09.06., Di, 07.07.2026,
jeweils 16:15 - 18:00 Uhr

Schulart:

alle Schularten der Sekundarstufen I und II

Zielgruppe:

Studierende, Dozierende und Lehrkräfte im Bereich der geographischen Bildung

Teilnahmebeitrag:

kostenfrei

Leitung:

Prof. Dr. Eva Nöthen, Universität Bonn
Prof. Dr. Verena Schreiber, PH Freiburg

Kontakt:

vrgeographie(at)uni-bonn.de

Veranstaltet von:

Eva Nöthen der Universität Bonn und Verena Schreiber der Pädagogischen Hochschule Freiburg in Kooperation mit Hochschulverband für Geographiedidaktik

Das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) unterstützt diese Veranstaltung - LFB-Online: PK8DKG

Anmeldung

Es ist keine Anmeldung notwendig. Die Veranstaltung findet über Zoom unter folgendem Link statt:
https://uni-bonn.zoom.us/j/68292455901?pwd=NkhNTXZvM3hsV2JUenA0bTkrbEhXQT09#success